Energie Klima Politik

Alpiner Solarstrom ist enorm teuer und ineffizient

Fotovoltaik in den Bergen wird als Wundermittel für eine sichere Stromversorgung gepriesen. In Gondo im Wallis soll nun eine Anlage auf dem Platz von vierzehn Fussballfeldern errichtet werden. Allerdings: Die Stromerträge wären bescheiden, die Kosten horrend und die Landschaftszerstörung gross.

Der Originalbeitrag ist als “Schlumpfs Grafik 47” im Online-Nebelspalter vom 13. Juni 2022 zu lesen.

Im letzten November weihte der Energiekonzern Axpo die bisher grösste alpine Solaranlage der Schweiz ein: «AlpinSolar», eine Fotovoltaik-Anlage auf der nach Süden ausgerichteten Staumauer des Muttsees in 2500 Metern Höhe. Der Muttsee ist Teil des Pumpspeicherwerks Linth-Limmern. Die Solaranlage wurde als «Pionierprojekt in den Alpen» gepriesen, mit dem die Energiewende der Schweiz vorankomme. Doch die Realität ist weniger rosig: Der aufwändige Transport der Solarpanels mit Helikoptern und deren komplexe Installationen vor Ort liess die Kosten explodieren.

«AlpinSolar» dient nur der Imagepflege

Weil der Bund sich weigerte, neben den üblichen Subventionen Gelder aus dem Topf für besonders innovative Projekte zu bewilligen, drohte das Projekt mehrmals zu scheitern. Gerettet wurde es schliesslich durch den Detailhändler Denner, der sich verpflichtet hat, den grünen Strom während zwanzig Jahren zu einem hohen Preis abzunehmen, der sich kaum rechnen wird. Aber offensichtlich ist Denner die Pflege seines Images als nachhaltige Firma wichtiger als Wirtschaftlichkeit (siehe hier).

Unbestritten hat Fotovoltaik (PV) in hochgelegenen alpinen Zonen mehrere Vorteile: Stärkere Sonneneinstrahlung, geringere Wolkendecke, erhöhte Reflektion durch den Schnee und kühlere Betriebstemperaturen. Daraus resultiert eine deutliche Vergrösserung des Winterstrom-Anteils gegenüber den Anlagen im Unterland. Während dort im Winter weniger als 30 Prozent des Jahresstroms erzeugt werden, sollen es die Alpenanlagen auf gut 50 Prozent schaffen. Damit wäre das Problem der Winterstromlücke zum Teil entschärft.

Gondosolar ist in der Planung weit fortgeschritten

Aber so einfach ist es nicht. Denn nachteilig könnten bei Alpenanlagen folgende Faktoren ins Gewicht fallen: schwierige Transportbedingungen wegen fehlender Infrastruktur, keine oder ungenügende Anbindung ans Stromnetz, problematische Geologie und erhöhte Schadensgefahr wegen Unwettern. Für all diese Probleme gibt es Lösungen, aber sie drücken stark auf den Geldbeutel. Dazu kommt, dass die Stromproduktion mittels PV wegen der geringen Energiedichte viel Platz und Material braucht.

Eine wichtige Rolle bei der Abwägung der Vor- und Nachteile einer Solar-Grossanlage in den Alpen könnte das erwähnte Projekt Gondosolar einnehmen, das in der Planung bereits weit fortgeschritten ist. Dabei sollen auf einem privaten Grundstück in gut 2000 Metern Höhe 4500 Solarelemente zu je acht Modulen auf 200 Reihen verteilt installiert werden. Insgesamt ist eine Fläche von 100’000 Quadratmetern nötig. Das entspricht vierzehn Fussballfeldern: zehnmal mehr als bei «AlpinSolar». Weitere wichtige Kennzahlen dieses Projekt sind in der folgenden Grafik zu sehen, die auf der Webseite von Gondosolar zu finden ist (siehe hier).

Es braucht mehr als 340 mal Gondosolar, um das KKW Gösgen zu ersetzen

Als erstes betrachten wir das Verhältnis zwischen dem Stromertrag von geschätzten 23,3 Millionen Kilowattstunden pro Jahr und der dafür benötigten Fläche von 100’000 Quadratmetern. Gondosolar erreicht damit eine Produktion von 233 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Dieser Wert liegt erstaunlicherweise nicht viel höher als die durchschnittliche Energieproduktion von Schweizer PV-Anlagen, die in einer Studie der ETH Lausanne vom März dieses Jahres mit 220 Kilowattstunden angenommen wurde (siehe hier): In der Jahresrechnung bringt Gondosolar also nur wenig Vorteile gegenüber anderen PV-Anlagen.

Wie viele Gondosolar-Anlagen würden benötigt, um gleich viel Strom wie das Kernkraftwerk Gösgen zu erzeugen? Die jährliche Stromproduktion von Gösgen liegt im Durchschnitt bei etwa 8000 Gigawattstunden: 343 Mal mehr als bei Gondosolar. Es wären also rund 340 solche alpinen Flächen mit Solarpanels nötig, um die Produktion von Gösgen zu ersetzen.

Was das in Wirklichkeit bedeuten würde, kann man sich anhand des nächsten Bildes – ebenfalls von der Gondosolar-Webseite – selber vorstellen: Der Flächenbedarf der Anlage über Gondo mit Seitenlängen von über 300 Metern ist im Zentrum eingekreist.


Falls Sie weitere 339 Standorte dieser Grösse gefunden haben, dürfen Sie aber nicht vergessen, dass mit diesem massiven Natureingriff erst rund ein Achtel des Schweizer Stromverbrauchs gedeckt wäre – und auch das nur als theoretische Jahressumme, nicht in Wirklichkeit. Die simple Tatsache, dass der Solarstrom in der Nacht völlig ausfällt und auch tagsüber stark schwankt, wird schon bei den Angaben zur Produktion in der ersten Grafik sträflich vernachlässigt: Die 5200 Haushalte, die angeblich mit dem Gondosolar-Strom versorgt werden können, wären jeweils in der Nacht stromlos, und müssten sich auch sonst den Sonnenlaunen anpassen: von Autonomie keine Rede.

Und wie steht es mit den projektierten Investitionskosten? Diese werden mit 42 Millionen Schweizer Franken veranschlagt. Wollen wir also den Jahresstrom von Gösgen mit Solarstrom aus Gondo ersetzen, kostet das 340 mal 42 Millionen gleich 14,3 Milliarden Schweizer Franken. Ist das viel?

Strom von Gondosolar kostet mehr als doppelt soviel wie von Olkiluoto 3

Vergleichen wir es mit den Investitionskosten des kürzlich ans Netz gegangenen finnischen Kernkraftwerkes Olkiluoto 3. Dieser EPR-Reaktor mit der 1,6-fachen Leistung von Gösgen wird immer wieder als Beispiel für angeblich weit überzogene Kosten von Atomstrom angeführt. Tatsächlich sind die ursprünglich projektierten drei Milliarden um ein Mehrfaches überschritten worden. Ich nehme hier die Schätzung von «energiezukunft», einer europäischen Plattform für Erneuerbare Energien, die auf zehn Milliarden Euro kommt (siehe hier).

Für unsere Rechnung in Grössenordnungen mache ich der Einfachheit halber daraus zehn Milliarden Schweizer Franken. Die 8000 Gigawattstunden aus Gösgen für 14 Milliarden Franken (Kosten für Gondosolar) sind also zu vergleichen mit 12’800 Gigawattstunden (1,6 mal mehr Leistung) für zehn Milliarden Franken aus Olkiluoto 3. Berechnet man in beiden Fällen die Kosten pro Energieeinheit, so ergibt sich für das Schweizer Solarprojekt eine 2,2 mal höhere Investitionssumme: Bezüglich Investitionen ist also der grüne Strom aus den Walliser Alpen gut doppelt so teurer als derjenige aus einem massiv überteuerten Kernkraftwerk. Und das erst noch ohne Berücksichtigung, dass es sich bei Gondosolar um unregelmässig anfallenden Flatterstrom handelt, der nicht mit zuverlässigem Bandstrom aus einem Kernkraftwerk verglichen werden kann.

Deshalb leuchtet ein, was mir der Mediensprecher von Gondosolar zu meiner Kostenanfrage schreibt: «Die Wirtschaftlichkeit des Projekts ist nur bei einem Investitionsbeitrag von 60 Prozent gegeben. Aktuell gibt es dazu aber noch keine Zusagen.»

Falsche CO2-Rechnung

Werfen wir noch einen Blick auf die prognostizierte CO2-Einsparung von 14’000 Tonnen pro Jahr bei Gondosolar (siehe Grafik). Nach Angaben des Mediensprechers sind das «Einsparungen im Vergleich zum europäischen Strommix.» Nach der deutschen Statistik-Webseite «Statista» betrugen die CO2-Emissionen der Stromerzeugung 2020 im europäischen Durchschnitt 231 Gramm pro Kilowattstunde (siehe hier). Multipliziert mit dem Gondo-Stromertrag ergeben sich daraus knapp 5400 Tonnen: Der angegebene Einsparungseffekt ist also viel zu hoch.

Für einen namhaften Strombeitrag aus Solaranlagen müssten viele unberührte Naturflächen Verbauungen aus Stahl, Zement, Glas und seltenen Erden weichen.

Die Rechnung hat aber noch einen zweiten Haken: Mit Solarstrom ersetzen wir ja nicht ausschliesslich europäischen Importstrom, sondern auch Strom aus den Kernkraftwerken, die bald stillgelegt werden. Zum Beispiel den Strom, der jetzt vom Kernkraftwerk Mühleberg fehlt, das Ende 2019 stillgelegt wurde. Dann aber entsteht keine CO2-Einsparung – wie hier suggeriert – sondern eine CO2-Mehrbelastung.

Gewaltige Naturverschandelung

Als Fazit für solare Grossanlagen in den Alpen ergibt sich, dass der positive Effekt von mehr Winterstrom stark durch die grundsätzlich magere Arbeitsauslastung der Fotovoltaik relativiert wird: Wo vergleichsweise wenig geliefert wird, hilft auch eine Verdoppelung nicht viel. Für einen gewünschten namhaften Strombeitrag aus Solaranlagen müssten also viele heute unberührte Naturflächen solchen Verbauungen aus Stahl, Zement, Glas und seltenen Metallen weichen. Diese grossflächige Naturverschandelung erschreckt mich.

Denn mit der Kernenergie hätten wir eine Option, die nicht nur viel weniger Land und Material braucht, sondern auch zuverlässig Strom liefert. Schliesslich zeugt die Webseite von Godosolar von einem schlechten Werbetrick: Auf der Fotomontage hat man nur drei der insgesamt 4500 Solarelemente mit je acht PV-Modulen «montiert»: So sieht man mehrheitlich eine unberührte Landschaft statt 200 Reihen mit je 225 Solarelementen.

3 Kommentare zu “Alpiner Solarstrom ist enorm teuer und ineffizient

  1. Arturo Romer

    Die Bürgerinnen und Bürger brauchen korrekte Informationen. Herr Martin Schlumpf sagt in seinem Artikel die Wahrheit. Die Fotovoltaik hat während der letzten 30 Jahre ohne Zweifel sehr grosse Fortschritte gemacht, technisch und ökonomisch. Sie muss zum nationalen und weltweiten Elektrizitäts-Mix gehören. Doch alleine kann sie die Elektrizitätsversorgung nicht lösen, weder unsere nationale, noch die weltweite. Moderne Kernreaktoren (Generation IV) und Fotovoltaik widersprechen sich nicht. In der Schweiz wird die Wasserkraft auch inskünftig den entscheidenden Produktionsanteil geben. Wasserkraft, Kernkraft und Fotovoltaik werden uns und unseren Nachkommen eine sichere und nachhaltige Elektrizitäts-Versorgung garantieren.

  2. Andreas Rochow

    Mir ist bei den ersten Erfahrungen mit einer kleinen solarbetriebenen Powerstation aufgefallen, wie sehr es auf den Einfallswinkel ankommt und was es ausmacht, die Photovoltaik-Elemente der Sonne dynamisch nachzuführen. Beim Umgang mit dieser Technologie – ohne Einspeisung! – wird deutlich, dass hier ein totes Pferd geritten wird! Und die Nacht ohne Speicher ist ein gern weggelogenes Problem. Jetzt verstehe ich, weshalb nicht für Photovoltaik-Autarkiesysteme bei Eigenheimen geworben wird. Die PV-Religion wäre schlagartig am Ende. Selbstverständlich führen Subventionen hier in die Energiekatastrophe!

  3. Hans Koller

    Wie üblich bei Herrn Schlumpf: eine sehr gut analysierte Projekt-Information,
    sogar ohne die Problematik “auf die Spitze zu treiben”. Danke Herr Schlumpf!
    Die Problematik der Stromleitung hat Herr Schlumpf nur am Rande erwähnt.
    Diese Leitung wird aber nicht nur sehr teuer, deren Bau wird auch eine Menge CO2 produzieren und die Landschaft noch zusätzlich verschandeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.