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Atomkraft-Schwindel in der “Arena”: Niemand will verantwortlich sein

Die Redaktion der SRF-«Arena» hat behauptet, die Atomkraft trage nur 20 Prozent zur Stromversorgung bei. Der Bund und die «Arena» schieben sich nun gegenseitig die Verantwortung für diese Irreführung zu.

Originalbeitrag im Online-Nebelspalter vom 24. Februar 2022.

In der Arena des Schweizer Fernsehens «Stromlücke schliessen – aber wie?» vom 11. Februar wurde in einem Erklärvideo gesagt, der Stromanteil der Atomkraftwerke betrage 20 Prozent. Das ist offensichtlich falsch, denn nach der offiziellen Elektrizitätsstatistik des Bundesamtes für Energie (BFE), stammen 41 Prozent des Endverbrauchs aus Atomkraftwerken.

Wie kommt die «Arena» auf diese irreführende Zahl von 20 Prozent? Auf meine Nachfrage schreibt Moderator Sandro Brotz von der «Arena»: «Wir hatten diese 41 Prozent auch auf dem Radar, aber dabei handelt es sich nicht um die Zahl, die beim Schweizer Endverbraucher ankommt – sondern es sind eben 20 Prozent. Wir haben dies auch mit dem Bundesamt für Energie gegengecheckt.»

Das Argument mit den Herkunftsnachweisen

Brotz verweist damit auf eine tatsächlich im BFE geführte zweite Statistik, die aber nicht Produktion und Verteilung des realen physikalischen Stroms darstellt, sondern Buch führt über sogenannte «Herkunftsnachweise» für Elektrizität. Für jede produzierte Kilowattstunde Strom wird ein solcher «Herkunftsnachweis» ausgestellt, der dann als Zertifikat an der Börse in ganz Europa gehandelt werden kann, und bei der Einspeisung ins Netz entwertet wird. Am 15. Februar habe ich hier bereits darüber berichtet (siehe hier).

Wir haben also zwei Systeme: Ein real-physikalisches, das vom BFE als Produktionsmix bezeichnet wird (die Elektrizitätsstatistik), und ein virtuelles, rein buchhalterisches, das unter dem Namen Liefermix läuft (der Zertifikatehandel). Der Streit dreht sich nun um die Frage, ob wir genau bestimmen können, aus welchen Quellen der Strom aus unseren Steckdosen stammt?

Die Quelle des Stroms ist physikalisch nicht bestimmbar

Darauf gibt es nur eine vernünftige Antwort: Das ist nicht möglich. Denn die Strom-Elektronen einer bestimmten Produktionsquelle vermischen sich in einer Leitung sofort mit denjenigen aus anderen Quellen. Und mit Handelszertifikaten ist ein realer Herkunftsnachweis erst recht nicht möglich.

Warum hat dann das BFE dies der «Arena» nicht klar gemacht? Nachdem mir Marianne Zünd, Mediensprecherin des BFE, in einer ersten Mail ausführlich die Vorzüge des Zertifikatesystem, das die Schweiz von der EU übernommen hat, gerühmt hat, wollte ich von ihr wissen, ob sie es für richtig halte, die «Arena» dazu gebracht zu haben, dem Schweizer Fernsehpublikum zu sagen, der Atomstromanteil sei 20 Prozent.

Der Bund empfahl der «Arena» andere Zahlen

In ihrer Antwort sagt sie zuerst: «Es ist klar, dass es sich dabei [den 20 Prozent] nicht um physikalische Stromlieferungen handelt.» Sie weiss also, dass die «Arena»-Zahl nicht real ist. Dessen ungeachtet aber fügt sie an: «Ich hatte der zuständigen Redakteurin gesagt, dass sie besser die Produktionszahlen aus der Statistik nehmen soll, da die Zahlen zum Liefermix nur verwirren.» Das ist äusserst erstaunlich: Zuerst lobt sie den Liefermix, also das Zertifikatesystem, dann aber findet sie, dass er verwirre.

Aber noch unverständlicher ist, wie Zünd dann die gerade als verwirrend bezeichneten Zahlen doch bestätigt: «Auf Bitte der Redaktion habe ich aber die von der Arena selbst erstellte «Rechnung» zum Lieferanteil Atomstrom überprüft und bestätigt.»

Wie weit hat der Bund die «Arena» beeinflusst?

Und wie reagiert die «Arena» darauf, dass das BFE behauptet, ihr empfohlen zu haben, nicht die 20 Prozent zu verwenden? In seiner Antwort gibt Sandro Brotz zuerst zu bedenken, dass sie bei der «Arena» selbst entscheiden, welche Informationen sie in ihre Beiträge aufnehmen, und dass sie sich dabei von Bundesämtern keine Empfehlungen einholen. Allerdings schreibt er dann: «Das BFE hat uns daraufhin erklärt, dass die AKW nur «theoretisch» 40% des Stromverbrauchs decken könnten, und uns weitere Ausführungen zum Stromliefermix gemacht…» Hat das BFE die «Arena» also doch beeinflusst?

Am Ende der Antwortmail der «Arena» steht dann noch, dass sie den gesamten Text des Erklärvideos den Expertinnen und Experten des zuständigen Bundesamtes zur Durchsicht geschickt hätten: «Dies um sicherzustellen, dass wir keine irreführende Formulierung verwendet haben. Der Text des Beitrags wurde vom BFE für korrekt befunden. Dass Frau Zünd Ihnen gegenüber gesagt haben soll, dass die 20% verwirren würden, überrascht uns daher.»

Beunruhigender Etikettenschwindel

Beide Seiten schieben sich also gegenseitig den Schwarzen Peter der Verantwortung für die irreführende Zahl zum Atomstromanteil in der «Arena» zu. Und trotzdem verteidigen sowohl die «Arena» als auch das Bundesamt für Energie diese falsche Zahl nach wie vor.

Das steht in krassem Gegensatz zur Meinung sämtlicher in den Mailverkehr eingeschlossener Energieexperten und «Arena»-Teilnehmer, von denen niemand versteht, warum mit Buchhaltungszahlen reale Stromproduktionsverhältnisse verschleiert werden sollen. Der Etikettenschwindel im BFE und die mangelnde Kompetenz der «Arena»-Leute sind beunruhigend.

5 Kommentare zu “Atomkraft-Schwindel in der “Arena”: Niemand will verantwortlich sein

  1. Helmut Hostettler

    Höchste Zeit, dass der aus politischer Opportunität in der SRF-Arena verbreitete falsche Anteil der Kernenergie des in der Schweiz produzierten Stromes aufgedeckt wurde. Da gilt die bewährte Weisheit “Unfälle sind keine Zufälle, sie werden verursacht.” Andererseits habe ich Verständnis für das Schwarzpeterspiel zwischen dem BFE und der SRF-Arena; es dürfte peinlich sein das Scheitern der Energiestrategie 2050 (Energiewende) einzugestehen. Besten Dank an Martin Schlumpf.

  2. Dr. med. Engel

    Sehr geehrter Herr Professor Schlumpf
    Die von Ihnen im Artikel beschriebenen Zustände haben System, denn die Protagonisten sind nicht neutral, sondern verfolgen eine politische Agenda.
    Die Mitarbeiter vom mit Zwangsgebühren finanzierten Staatssender SRF, sowie die Angestellten (ehemals Beamte) der Bundesverwaltung sind fast ausschliesslich im links-grünen Spektrum zu verorten. Mit Ausnahme allenfalls vom VBS (Militär).
    Beim SRF sind alle ausser bei Sportsendeformaten sozialistisch und links.
    Um die von Ihnen beschriebenen Mängel zu beheben, müssten in der Verwaltung, wie bei den Gerichten, die Stellen nach Wähleranteil der Parteien besetzt werden.
    Nur, welcher liberale und bürgerliche SVPler würde beim Staat und in der Verwaltung arbeiten wollen…?

  3. Arturo Romer

    Die Redaktion “SRF-Arena” und das BFE haben den Bürgerinnen und Bürgern komplett falsche und irreführende Zahlen hinsichtlich Stromproduktion geliefert. Absichten unterstelle ich niemandem. Der Schaden muss jedoch sofort repariert werden. Es gibt nur eine Lösung: beide Instanzen müssen offiziell und formell die Bürgerinnen und Bürger über den schweren Fehler und über die korrekten Produktionswerte informieren.

    • Dr. med. Engel

      “Die Redaktion “SRF-Arena” und das BFE haben den Bürgerinnen und Bürgern komplett falsche und irreführende Zahlen hinsichtlich Stromproduktion geliefert.”
      Genau gleich, wie bei Corona.
      Das mit Zwangsgebühren finanzierte SRF, das BFE und das BAG sind nicht neutral, sondern verfolgen eine politische Agenda.

  4. Markus Dietiker

    Die sogenannte Stromkennzeichnung jedes einzelnen EW ist so aufgebaut, dass sie mit Zertifikaten den Detailkunden z. B. Wasserstrom verkaufen können , das sollte aber transparent so kommuniziert werden!
    Hingegen sollte der Schweiz. Strommix aus meiner Sicht IMMER der physikalischen Stromproduktion erfolgen! Und da sind die Beamten des BFE leider nicht konsequent und das muss geändert werden!

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