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Auch global gesehen liegen die Klimaseniorinnen daneben

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 109“ im Online-Nebelspalter vom 22. April 2024 zu lesen.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zur Klage der Klimaseniorinnen gegen die Schweiz hat hohe Wellen geschlagen. Alex Reichmuth hat vor kurzem hier im Nebelspalter gezeigt, dass die Behauptung der Seniorinnen, sie seien wegen zunehmender Hitze einem höheren Todesrisiko ausgesetzt, einer faktischen Begründung entbehrt (siehe hier). Ich werde im Folgenden den Faktencheck von Reichmuth, der für die Schweiz gültig ist, anhand globaler Zahlen ergänzen – mit weitgehend demselben Fazit.

Was wichtig ist:

– Die globale Zahl der Hitze- oder Kältekatastrophen ist seit 2000 leicht zurückgegangen.
– Dabei sind Kältewellen deutlich seltener geworden. Bei den Hitzewellen ist der Trend noch unklar.
– Die jährlichen Opferzahlen wegen solcher Extremtemperatur-Ereignisse sind mehr oder weniger stabil.

Zuerst gehe ich auf die Frage ein, ob Naturkatastrophen wegen extremer Temperaturen im weltweiten Kontext häufiger vorkommen. Die Antwort darauf findet sich in der belgische Datenbank EM-DAT der Universität Louvain, in der seit 1988 Informationen über alle Arten von Katastrophen gesammelt werden (siehe hier).

In der Kategorie «Extremtemperatur» werden dort Katastrophen verzeichnet, die durch extreme Temperaturen ausserhalb der normalen Bedingungen ausgelöst werden. Die Definition dieser Normalbedingungen hängt dabei vom jeweiligen Ort ab. In der folgenden Grafik habe ich die jährliche Zahl für die letzten 22 Jahre dargestellt:

Quellen: CRED EM-DAT / Martin Schlumpf

Ich verwende in dieser Grafik nur die Zahlen nach dem Jahr 2000, weil EM-DAT ausdrücklich darauf hinweist, dass Zahlen vor 2000 wegen unterschiedlichem Reporting nicht ohne weiteres mit den Zahlen nach 2000 verglichen werden können. Die rot gestrichelte Trendlinie in der Grafik zeigt, dass die jährliche Zahl der Katastrophen wegen Extremtemperaturen in den letzten 22 Jahren von rund 25 auf etwa 17 abgenommen hat – dies allerdings bei grossen Unterschieden: die Zahlen schwanken zwischen 3 und 51 pro Jahr.

Leichte Zunahme der Hitzewellen – Starke Abnahme der Kälteereignisse

Aufschlussreich ist deshalb eine weitere Differenzierung der Kategorie «Extremtemperatur»: Bei EM-DAT sind alle Ereignisse dieser Kategorie in die drei Untergruppen «Hitzewelle», «Kältewelle» und «Strenge Winterverhältnisse» (Severe winter conditions) aufgeteilt. Als Hitze- und Kältewellen, gelten Perioden extremer Temperaturen, die mindestens zwei Tage dauern. Bei «Strenge Winterverhältnisse» geht es um Infrastrukturschäden, die durch Schneedruck und Vereisung verursacht werden.

Die nächste Grafik zeigt die Aufschlüsselung der oben gezeigten Grafik nach diesen Gruppen:

Quellen: CRED EM-DAT / Martin Schlumpf

Jetzt zeigt sich, dass das Jahr 2012, das die grösste Zahl an Ereignissen aufweist, stark von Kältewellen (hellblau) dominiert wurde. Demgegenüber sind im Jahr 2022, dem Jahr mit der zweitgrössten Zahl an Ereignissen, vor allem Hitzewellen (rot) vorgekommen. Aus einer Trendanalyse ergibt sich, dass die Hitzewellen in den letzten Jahren verglichen mit früher etwas häufiger vorgekommen sind, während die Zahl der Kälte-Ereignisse seit 2000 deutlich abgenommen hat.

Rückläufiger Trend bei Hitzewellen bis 2021

Der Trend beim Auftreten von Hitzewellen ist aber nicht unproblematisch: Denn ohne das letzte Jahr 2022, mit seinem Rekord von 36 Hitzewellen, wäre der Trend auch hier leicht rückläufig gewesen. Ob das Jahr 2022 aber ein statistischer Ausreisser ist oder nicht, wird sich noch zeigen.

Welche Auswirkungen hat nun dieses leichte Aufkommen von Hitzewellen im Verbund mit dem starken Rückgang von Kälte-Ereignissen auf die Opferzahlen dieser Katastrophen? Weil bei EM-DAT auch die Todesfälle aller erfassten Katastrophen gezählt werden, kann ich dazu ebenfalls auf Zahlen dieser Datenbank zurückgreifen. Eine Katastrophe wird in EM-DAT erfasst, wenn sie mindestens eines von vier Kriterien erfüllt: zehn Todesopfer, 100 geschädigte Menschen, Ausrufung eines Ausnahmezustandes, Anforderung internationaler Hilfe.

Leichter Rückgang der Todesfälle klimarelevanter Naturkatastrophen

Zuerst zeige ich – zum Vergleich – die jährlichen weltweiten Todesfälle aller klimarelevanten Naturkatastrophen (also Dürren, Wildfeuer, Überschwemmungen, Erdrutsche, Extremtemperaturen und Stürme) für den gleichen Zeitraum von 2000 bis 2022:

Quellen: CRED EM-DAT / Martin Schlumpf

Wie die Grafik zeigt, gibt es enorme Unterschiede zwischen den jährlichen Opferzahlen. Dabei stechen die Katastrophenjahre 2008, 2010, 2003 und 2022 in dieser Reihenfolge mit Opferzahlen zwischen 147’000 und 75’000 Toten heraus. Gegenüber den durchschnittlich rund 10’000 Todesfällen im Durchschnitt der mehrheitlich ruhigen Jahre, ist das eine Differenz um eine Grössenordnung. Abgesehen von diesen statistischen Unterschieden zeigt die rote Trendlinie, dass die Zahl der Todesfälle bei klimarelevanten Naturkatastrophen seit dem Jahr 2000 zurückgeht.

Wie verhalten sich aber die Todesfälle wegen extremer Temperaturen – um die es hier geht – zu den eben gezeigten Opferzahlen aller Naturkatastrophen? Die nächste Grafik zeigt die Todesfälle pro Jahr, die sich im gleichen Zeitraum aufgrund extremer Hitze (rot) oder extremer Kälte (schwarz) ereignet haben:

Quellen: CRED EM-DAT / Martin Schlumpf

Im Vergleich der beiden letzten Grafiken zeigt sich erstens, dass das schlimmste Naturkatastrophenjahr 2008 mit seinen 147’000 Todesopfern überhaupt nichts mit Extremtemperatur-Ereignissen zu tun hatte: Die verheerende Bilanz ist fast ausschliesslich auf das Wüten eines tropischen Wirbelsturmes in Myanmar zurückzuführen.

Opfer wegen extremer Kälte sind praktisch verschwunden

Zweitens aber zeigt der Vergleich auch, dass in drei der vier Naturkatastrophen-Rekordjahre die Hitzewellen für einen Grossteil der Opfer verantwortlich waren: Besonders deutlich war das im Jahr 2003, in dem von den gut 80’000 Gesamtopfern 74’000 auf Hitzewellen zurückzuführen waren. Das entspricht einem Anteil von 92 Prozent. In den beiden anderen Rekordjahren betrug dieser Anteil 62 Prozent (2010) und 83 Prozent (2022).

Drittens kann man aus der letzten Grafik herauslesen, dass die Zahl der Kälteopfer seit 2000 signifikant abgenommen hat. Im Vergleich mit den Hitzeopfern fallen die Kältetoten allerdings nur wenig ins Gewicht: Sogar im Jahr 2012, das mit 44 Kältewellen den Rekord gehalten hat, gab es nur 1’700 Tote. Das ist zwar die zweithöchste Zahl an Kälteopfern im gezeigten Zeitraum, verglichen mit der Rekordzahl an Hitzeopfern von 73’722 Toten im Jahr 2003 sind das aber nur kleine Werte.

Kein Trend bei den Hitzeopfern

Dieser letzte Punkt kollidiert jedoch stark mit dem Wissen, dass in Ländern, in denen sich Winter und Sommer temperaturmässig stark unterscheiden (wie zum Beispiel in der Schweiz), bei alten Menschen im Winter jeweils deutlich mehr Todesfälle vorkommen als im Sommer (siehe hier). Weil bei EM-DAT in der Kategorie «Extremtemperaturen» aber nur Ausnahmetemperaturen berücksichtigt sind, fällt dieser «Normalfall» der höheren Sterblichkeit von alten Menschen im Winter hier ausser Betracht.

Und viertens zeigt die letzte Grafik, dass es sogar bei der Zahl der Hitzeopfer keinen erkennbaren Trend gibt: Damit fällt aber auch im globalen Kontext der direkte Klagegrund der Klimaseniorinnen weg.

Nach Ansicht meiner Frau – auch einer Seniorin – wären die Klimaseniorinnen gut beraten gewesen, wenn sie ihr eigenes Geld und das ihrer Unterstützer von Greenpeace dazu verwendet hätten, in ihren Wohnungen Klimaanlagen zu installieren. So hätten sie wohl mehr für ihre Gesundheit erreicht, statt mit viel Aufwand ein Gerichtsurteil zu erwirken, das sowieso nicht umgesetzt werden kann und nur eine Flut weiter nutzloser Klagen nach sich ziehen wird.

5 Kommentare zu “Auch global gesehen liegen die Klimaseniorinnen daneben

  1. Prof. Dr. Karl Jaros

    Da ich in der Schweiz als Wissenschaftler jahrelang tätig war, kann ich mir schwer
    vorstellen, dass die Schweizer Bürger dieses Urteil akzeptieren, zumal die Grundlage, die
    dieses Urteil voraussetzt, nicht vorhanden ist.
    Ergebnisse der Klimawissenschaftler sind nicht so eindeutig, wie dies durch verzerrende
    Meldungen in den Medien laufend der Öffentlichkeit suggeriert wird. Auch die
    wissenschaftlichen Berichte des Weltklimarates sind viel zu komplex, als dass sie ein
    Gericht als Grundlage für ein solches Urteil verwenden könnte; die ideologisch gefärbten
    Zusammenfassungen dieser wissenschaftlichen Berichte des Weltklimarates für die Politik
    sind völlig unbrauchbar; sie sollten es zumindest sein für Entscheidungen der Politik, erst
    recht für Entscheidungen eines Gerichts.
    Prof. Dr. Karl Jaroš, Pasching, Österreich

  2. Friedrich Rentsch

    Der letzte Abschnitt sagt alles: Es geht denen ja nicht ums Klima, sondern um die Erschliessung einer weiteren Bühne zum Auftritt ihrer Selbstgefäligkeitsinszenierungen. Deren logische Inkonsequenzen demaskieren den Vorwand. Längst sind die Aufführungen zu Inkantationen von Litaneien mutiert, die ihre Bedeutung in der Vertrautheit selbstverfestigender Wiederholung findet. Die Sprache–ein Kirchenlatein–kann sich darauf verlassen, dass sie nicht mehr hinterfrag wird, weil das Publikum mittlerweile weiss, wie sie gemeint ist. Egal wieviel Unsinn sie proklamiert, sie bedarf keiner Korrektur, denn sie bezweckt nicht die Vermittlung von Erkenntnis, sondern eines Gefühls der Zugehörigkeit zum rechten Glauben und der Auswerwähltheit gegenüber den Ungläubigen. Ungläubig sind die sich nicht bekennen, also alle andern. Gegen den enormen zivilisatorischen Rückfall–der eindringende Islam lässt grüssen–kann Logik nichts ausrichten. Egal wie gut und oft sie ins Schwarze trifft, trifft sie die falsche Scheibe und zählt nicht.

  3. Christophe de Reyff

    Hier :
    https://clubenergie2051.ch/2024/04/10/le-jugement-peu-eclaire-de-la-cedh/
    findet man 4 Grafiken, die sehr aussagekräftig sind !
    Die Schweiz hat nicht schamrot zu werden.

  4. Arturo Romer

    Vielen Dank für diesen sehr guten Beitrag! In Sachen Klimawandel darf man weder Klimawandel-Leugner, noch Klimawandel-Paniker sein. Es braucht vor allem Wissen, Vernunft und Anpassung. Das Wissen hat beim EGMR und bei den Klimaseniorinnen total gefehlt. Die Schweiz trägt höchstens mit 0.1% an den weltweiten CO2-Emissionen bei. Zudem ist die Schweiz im Rahmen der Klimawandel-Massnahmen weltweit Spitze. Klimatisch hat die kleine Schweiz keinen messbaren Einfluss auf den schweizerischen und weltweiten Klimawandel. Die CH-Seniorinnen hätten, wenn schon, China, die USA, Indien, die EU, usw. anklagen müssen. Und der EGMR hätte vor allem China, die USA, Indien, die EU, usw. verurteilen müssen. Die CH-Seniorinnen haben wegen den Schweizer CO2-Emissionen sicher weder geschwitzt, noch gelitten. Immerhin kann sich der Leser/die Leserin aufgrund dieses ideologischen, ungerechten und unsinnigen EGMR-Urteils eine Vorstellung machen, wie fremde Richter unsere Freiheit und unsere Lebensqualität vernichten können!

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