Homo Sapiens

Bevölkerungsentwicklung wohin? Teil 1

Bevölkerungsentwicklung der Welt von 1800 bis heute

Vor gut 10’000 Jahren lebten auf der ganzen Welt etwa 5 bis 10 Millionen Menschen, was der heutigen Schweizer Bevölkerung entspricht. Als danach mit der landwirtschaftlichen Revolution aus den damaligen Jägern und Sammlern Bauern und später auch Handwerker wurden, stieg die Zahl der Menschen an. Dieser Prozess wurde weiter durch die Gründung von Staaten und später Städten beschleunigt: zu Beginn unserer Zeitrechnung umfasste die Weltbevölkerung etwa 300 Millionen Menschen, in etwa soviel wie die Vereinigten Staaten heute.
In den nächsten 1’500 Jahren, bis zum Beginn der Neuzeit gab es eine weitere leichte Steigerung auf etwa 500 Millionen.
Nochmals 300 Jahre später, im Jahr 1800 erreichte die Gesamtbevölkerung zum ersten Mal knapp eine Milliarde und 1850, zu Beginn der industriellen Revolution, waren es 1’260 Millionen.
Danach aber explodierte die Zahl förmlich: bis 1950 stieg sie auf 2’530, bis 2000 auf 6’130 und bis 2015 auf 7’350 Millionen Menschen!
Allein seit 1900 bis heute hat sich die Weltbevölkerung mehr als vervierfacht!
Diese historisch beispiellose Entwicklung, kann auch so zusammengefasst werden:

  1. In den ersten 1’500 Jahren seit unserer Zeitrechnung gab es einen Zuwachs von 200 Millionen Menschen – das entspricht einer durchschnittlichen Zunahme pro Jahr von gut 130’000;
  2. in den nächsten 350 Jahren sind 750 Millionen dazugekommen – das entspricht einer jährlichen Zunahme von gut 2 Millionen;
  3. und in den letzten 150 Jahren sind 5’000 Millionen dazugekommen – das entspricht einer Zunahme von über 33 Millionen pro Jahr!

Dieses ausserordentliche exponentielle Wachstum wurde aber weitgehend nicht von Menschen, Regierungen oder Institutionen geplant – es ereignete sich sozusagen „von unten“, evolutiv, dank massiver Verbesserungen der allgemeinen Lebensbedingungen. Insbesondere durch gewaltige Fortschritte in der Lebensmittelproduktion und der medizinischen Betreuung.
Aber natürlich kann die Entwicklung mit den Wachstumsraten des ausgehenden 20. Jhdts. so nicht weitergehen: wird es möglich sein, die Bevölkerungszahl auf einem Niveau zu stabilisieren, das verkraftbar ist?
Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, müssen wir uns mit den entscheidenden Faktoren dieses Wachstums auseinandersetzen:

  1. Kinder pro Frau (Fruchtbarkeitsziffer)
  2. Kindersterblichkeit
  3. Lebenserwartung

Die Fruchtbarkeitsziffer wird definiert als durchschnittliche Zahl der Kinder von Frauen in gebärfähigem Alter. Als Ziel für eine Stabilisierung der Bevölkerung gilt eine Fruchtbarkeitsrate von etwas mehr als 2; nennen wir das die 2-Kinder-Familie.
Im 19. Jhdt. liegt diese Ziffer weltweit noch zwischen 4 und 8 Kindern.
Bis in die Mitte des 20. Jhdts. gibt es dann in Europa, USA, Kanada, Japan und Australien einen ersten Veränderungsschub, der ungefähr zur Halbierung dieser Zahl führt. Die Welt präsentiert sich um 1950 als gespalten: hier die reichen Industrieländer mit 2 bis 4 Kindern, dort die armen Entwicklungsländer mit 3.5 bis 7.5 Kindern.
Doch bis Ende des 20. Jhdts. ändert sich das nochmals in erstaunlichem Ausmass: der weitaus grösste Teil der Entwicklungs- und Schwellenländer hat die Industrieländer eingeholt und weist eine Rate von 1 bis 3 Kindern auf! Abgehängt bleibt nur Subsahara-Akrika, das noch immer zwischen 3.5 und 7.5 liegt.
In den letzten 15 Jahren hat aber auch in Afrika der Weg nach unten deutlich begonnen: einige Länder sind schon auf dem Niveau von 2 Kindern, andere liegen noch weit zurück (Schweiz: 1.6).

Statistisch wird die Kindersterblichkeitsrate erfasst als Anzahl Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren pro 1’000 Lebendgeburten.
Über Jahrhunderte ist die hohe Kindersterblichkeit eine der schlimmsten Geisseln der Menschheit gewesen. Bis ins 19. Jhdt. hinein stirbt praktisch jedes zweite Kind überall auf der Welt in den ersten Lebensjahren. Und noch auf der Schwelle zum 20. Jhdt. ist es jedes zweite bis dritte Kind, was einer Sterblichkeitsrate von 300 bis 550 entspricht.
Um 1950 treffen wir auch hier auf eine gespaltene Welt: die reichen Industrieländer haben ihre Kindertodesfälle markant auf 30 bis 100 gesenkt, der Rest der Welt liegt erst bei 100 bis 400.
Und auch in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. ergibt sich das gleiche Bild: der Trend geht bei allen massiv nach unten, die Entwicklungs- und Schwellenländer nähern sich den Industrieländern an. Der grösste Teil der Welt liegt im Jahr 2000 bei 4 bis 90, nur Subsahara-Afrika bleibt mit 90 bis 210 zurück.
Bis heute ist aber auch dort die Rate bis auf 50 bis 140 gesunken, während der weitaus grösste Teil der Länder heute unter 20 liegt (Schweiz: 3.9), mit andern Worten: nur noch jedes 50ste bis 500ste Kind stirbt unter fünf Jahren.

Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt für Männer und Frauen liegt bis ins Jahr 1850 weltweit zwischen 25 und 40 Jahren.
Danach setzt eine kontinuierliche Steigerung ein, bei der die reichen Industrieländer vorangehen und die ärmeren Länder folgen.
Um 1900 erreichen die reichsten Industrieländer die 50-Jahresgrenze, Mitte des 20. Jhdts. ist es bereits die 70-Jahresgrenze und bis ins Jahr 2000 wird die 80-Jahresgrenze durchbrochen.
In der 2. Hälfte des 20. Jhdts. aber sind es vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer, von denen der grösste Teil gewaltig aufholt: China von 40 auf 72, Indien von 35 auf 62 Jahre.
Heute liegt die durchschnittliche weltweite Lebenserwartung bei gut 71 Jahren (Schweiz: 83).

Nun können wir die drei Parameter zusammenfassen: In den letzten 200 Jahren ist im weltweiten Durchschnitt die Lebenserwartung um mehr als die Hälfte gestiegen, die Kindersterblichkeit hat um mehr als das 12-fache abgenommen und die Anzahl Kinder pro Frau ist von 6 auf 2.5 gefallen.
Dabei haben sich alle drei Fortschrittspfade, ohne Details zu beachten, praktisch parallel entwickelt. Jeweils so, dass ab etwa 1850 grosse Teile Europas, die USA, Kanada, Japan und Australien diesen Weg zuerst einschlugen, die übrigen Länder der Welt teilweise weit hinter sich lassend. Bis in die Mitte des 20. Jhdts. bildete sich so eine geteilte Welt heraus: hier die reichen Industrieländer mit hoher Lebenserwartung, wenig Kindern pro Familie und geringer Kindersterblichkeit, dort die armen Entwicklungsländer mit geringer Lebenserwartung, viel-Kinder-Familien und grosser Kindersterblichkeit.
Das vielleicht erstaunlichste aber ist, dass die Entwicklungs- und Schwellenländer ab den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jhdts. in zunehmendem Tempo den gleichen Weg einschlugen, den die Industrieländer bereits hinter sich hatten!
Dies zeigen die heutigen Zahlen der drei bevölkerungsreichsten Länder China, Indien und USA:

LänderBevölkerungLebenser-
wartung
FertilitätKindersterb-
lichkeit
China1.37 Mrd.77 Jahre1.6 Kinder11 von 1'000
Indien1.31 Mrd.67 Jahre2.4 Kinder48 von 1'000
USA0.32. Mrd.79 Jahre2 Kinder6.5 von 1'000

China hat mit den USA praktisch gleichgezogen, Indien liegt noch etwas dahinter.

Aber es gibt immer noch gegen zwei Milliarden Menschen, vor allem in Subsahara-Afrika und Afghanistan, die in diesen drei entscheidenden Faktoren, noch immer sehr weit zurück sind.
Da dies auch die ärmsten Länder der Welt sind, scheint der Weg für eine bessere Zukunft vorgezeichnet: die Menschen dieser Länder müssen aus ihrer Armut befreit werden, dann erhalten sie die Mittel, die zu höherer Lebenserwartung, kleineren Familien und geringerer Kindersterblichkeit führen können.

Kommen wir auf die Ursprungsfrage zurück: Ist es möglich, die Weltbevölkerung auf einem Niveau zu stabilisieren, das verkraftbar ist?
Überall dort, wo die Kindersterblichkeit massiv gesunken ist, sind die Menschen zur 2-Kind-Familie übergegangen. Diese beiden Faktoren beeinflussen sich also gegenseitig. Und da bereits heute gut drei Viertel der Weltbevölkerung das nachhaltige Modell der 2-Kind-Familie erreicht haben, ist die wichtigste Voraussetzung für eine positive Entwicklung zu einem guten Teil gegeben. Es liegt also im Bereich des Möglichen, dass sich die Gesamtbevölkerungszahl der Welt mit weiteren Anstrengungen bis gegen Ende des 21. Jhdts. stabilisieren lässt.
Und dies sogar mit einer weiter wachsenden Lebenserwartung, die auf den ersten Blick diesem Ziel entgegen zu arbeiten scheint.

Zu weiteren Projektionen und Annahmen für die Bevölkerungsentwicklung im 21. Jhdt. siehe meinen  Beitrag „Weltbevölkerung wohin? Teil 2“

Hauptquelle dieses Beitrages: Gapminder World auf https://www.gapminder.org/
Hier lassen sich die Entwicklungen der genannten Parameter in allen Länder von 1800 bis heute als Bewegungssgrafik verfolgen!

  1. Antoinette

    gut gemacht, bravo

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