Energie Klima Politik

Energiestrategie: Das Blackout von Simonetta Sommaruga

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 53“ im Online-Nebelspalter vom 22. August 2022 zu lesen.

Die europäische Gasmangellage wegen Putin hat die Frage der Energie-Versorgungssicherheit in der Schweiz zwar verschärft, die grundlegenden Fehlentscheide sind aber viel früher gefallen. Und das Hauptproblem für uns ist nicht das Gas, sondern die nicht mehr gesicherte Stromversorgung. Das ist besonders pikant, weil das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) in seinen Risikoberichten ausgerechnet beim Fall einer Strommangellage seit Jahren die Schadenskosten am höchsten veranschlagt. Der fehlende Strom könnte uns einige hundert Milliarden Franken kosten (siehe hier).

Was wichtig ist:

  • Der Stromkollaps droht nur in kalten Wintertagen
  • Grüner Solarstrom bringt dann fast nichts
  • Die einzig verlässliche Rückversicherung sind die Kernkraftwerke

Indessen spricht Energieministerin Simonetta Sommaruga von Stromabschaltungen und predigt uns, wie wir uns einzuschränken haben, damit wir den nächsten Winter schadlos überstehen. Sommaruga hätte die Weichen schon seit langem so stellen können, dass unser Stromsystem heute resistenter wäre. Erinnern wir uns kurz an die wichtigsten Fehlentscheidungen, für die Bundesrätin und ihre Spitzenbeamten im Bundesamt für Energie verantwortlich sind.

Der Bund erhebt keine verlässlichen Solardaten

Die nach Fukushima ausgerufene Energiewende beruht auf der Annahme, dass der nach und nach wegfallende Atomstrom durch grünen Strom aus Wind und Sonne ersetzt werden kann. Und wie prüft man, ob wir damit erfolgreich sind? Man muss den Winter betrachten, weil dort die Wasserreserven nach und nach knapper werden, und man muss das System in Stundenwerten anschauen, weil sonst die nicht steuerbaren Schwankungen der Wind- und Solarerzeugung nicht richtig erfasst sind.

Ein solcher Faktencheck ist aber mit den Daten des Bundesamtes für Energie nicht möglich: Sie werden dort nicht erhoben. In der offiziellen Elektrizitätsstatistik der Schweiz gibt es nur für einen Tag jedes Monats einen Stundenverlauf der Erzeugung und des Verbrauchs. Aber auch dort sind die Solar- und Winddaten nicht erfasst. Simonetta Sommaruga kann also gar nicht wissen, ob Sonne und Wind in der Lage sind, den Strom aus Kernkraftwerken adäquat zu ersetzen: Das ist in der heutigen Situation grobfahrlässig. Zum Glück gibt es andere Stellen, die in diese Datenlücke springen. Für unser Stromsystem sind es die «Swiss Energy-Charts», die interaktive Grafiken zur Stromproduktion und zu Börsenpreisen im Stundentakt bringen. Zur Überprüfung der kritischen Wintersituation schauen wir uns den Januar 2022 an. Dabei konzentrieren wir uns auf den Verbrauch und die Produktion aus Kernkraftwerken sowie aus Wind- und Solaranlagen (siehe hier).

Und nochmals: Jede hier dargestellte Kurve besteht aus den Werten der 744 Stunden, aus denen der Januar besteht. Die schwarze Schlangenlinie oben (Last) zeigt den Verbrauch, der zwischen 8000 und 10’000 Megawatt pro Stunde schwankt. Auf der Erzeugungsseite sehen wir erstens die zuverlässige Bandstromerzeugung aus den Kernkraftwerken (rot) die bei 3000 Megawatt liegt, und zweitens die Flatterstromproduktion aus Wind und Solar (gelb), die zwischen beinahe Null und vereinzelten Spitzen von 1000 Megawatt liegt. Weil die Windproduktion für die Schweiz offensichtlich bedeutungslos ist, lasse ich sie im Weiteren weg.

Solaranlagen sind 40 mal weniger effizient als Kernkraftwerke

In der Summe hatten wir im Januar 2022 einen Verbrauch von 6225 Gigawattstunden, eine Kernenergie-Erzeugung von 2245 Gigawattstunden und eine Solar-Produktion von 69 Gigawattstunden. Die Kernkraftwerke haben also 36 Prozent des Verbrauchs abgedeckt, die Solaranlagen aber nur ein Prozent. Und – wie man nur in dieser Darstellung sieht – dieses eine Prozent grüner Strom kommt nicht aus einer bedarfsgerecht steuerbaren Quelle, sondern entsteht nach den Launen der Natur – und hat somit keinen mit der Kernenergie vergleichbaren Wert.

Aber es wird noch schlimmer, wenn man sich fragt, wie gross die installierte Leistung dieser Energieträger ist. Unsere vier Kernkraftwerke weisen zusammen eine Leistung von 2960 Megawatt auf, alle Fotovoltaikanlagen zusammen bringen es aber sogar auf 3650 Megawatt. Setzt man nun diese installierte Leistung in Relation zu den oben angegebenen Stromerträgen, ergibt sich, dass die Kernkraftwerke ihre Leistung zu 100 Prozent umsetzen, während das die Solaranlagen nur zu 2,5 Prozent tun: Die Arbeitseffizienz der Solarpanels ist in diesem Wintermonat also 40 mal kleiner.  

Ein Fünftel des Stroms mussten wir importieren

Weil neben den praktisch inexistenten Solaranlagen aber auch die Wasserkraft im Winter generell weniger liefert als im Sommer, haben wir in dieser Jahreszeit generell einen grösseren Importbedarf. Für den hier betrachteten Januar 2022 weist «Swiss Energy-Charts» folgenden Stomimport-Saldo in Stundendaten aus:

Wie man sieht, überwiegen die Importüberschüsse (positive Zahlen) bei weitem. Der Import-Saldo des ganzen Monats betrug fast 1240 Gigawattstunden: 21 Prozent des Bedarfs mussten also importiert werden. Und dabei kam der grösste Teil aus französischen Kernkraftwerken. Als sicheres Rückgrat unserer Stromversorgung im Winter muss man also generell die Kernkraftwerke betrachten. Wenn also für die Verantwortlichen die Sicherheit der Versorgung im Zentrum steht, müssen sie sich für die sorgfältige Pflege und Förderung dieser Werke einsetzen.

Sommaruga versteht den Wert der Kernkraft nicht

Das genaue Gegenteil vernimmt man aber von unserer Energieministerin. In einem offiziellen Statement (siehe hier) hat sie im Dezember 2019 zur bevorstehenden Abschaltung des Kernkraftwerks Mühleberg gesagt: «…Es ist vor allem eine Chance, dass wir Wasserkraft und Sonnenenergie verstärkt nutzen. Und es hat Vorteile: Wir werden weniger abhängig von Öl und Gas aus dem Ausland.»

Für Kenner der Materie war das schon damals eine totale Irreführung der Öffentlichkeit: Eine verstärkte Nutzung der Solar- anstelle der Kernenergie kann man nur dann als Chance bezeichnen, wenn man nie eine Grafik wie die erste in diesem Beitrag gesehen hat. Denn wie wir gesehen haben, bringen die Solaranlagen sogar bei mehr installierter Leistung einen 35 mal kleineren und nicht bedarfsgerechten Ertrag als die Kernkraftwerke: Eine verstärkte Hinwendung zu diesem Flatterstrom muss ins Desaster führen.

Die Energiestrategie ist gescheitert

Vor allem aber: Unabhängigkeit von Öl und Gas? Und jetzt, zweieinhalb Jahre später, wo sogar im links-grünen Umfeld von Frau Sommaruga nicht mehr verschwiegen werden kann, dass Stromengpässe im Winter drohen, kündigt Simonetta Sommaruga die Reaktivierung von Gas- und Ölkraftwerken an. Und warum? Weil sie die Lücke, die Mühleberg geschlagen hat, irgendwie decken muss.

Und war Öl und Gas nicht auf der verbotenen Sündenliste der Klimaministerin Sommaruga? Gilt das jetzt nur noch für uns normale Bürger und Bürgerinnen, aber nicht für den Bund? Und sind die CO2-Klimaziele plötzlich nicht mehr wichtig? Und wie können wir sicher sein, dass Öl und Gas aus dem Ausland auch wirklich geliefert werden? Bei so vielen Widersprüchen, Unklarheiten und Unsicherheiten lässt sich nur ein Schluss ziehen: Im Strombereich ist die Energiewende krachend gescheitert.

Mit Frau Sommarugas Fehleinschätzung der Kernenergie, Ihrer Überschätzung des Potenzials der Erneuerbaren und den Möglichkeiten des Stromimports sowie Ihrem Desinteresse an Daten für realistische Analysen hat sie ganz wesentlich zu diesem Scheitern beigetragen.

8 Kommentare zu “Energiestrategie: Das Blackout von Simonetta Sommaruga

  1. Guntram Rehsche

    Doris Leuthard betont, die Energiestrategie sei nicht gescheitert, vielmehr erst am Anfang! Das vom Bund installierte Monitoring (siehe Solarmedia 16.12.21 > hier) hat in seiner vierten Ausgabe auch schon Erfolge aufgezeigt, in der Natur der Sache liegend aber natürlich auch weiterhin bestehende Mängel. Zu den Erfolgen zählt übrigens der Ausbau der Photovoltaik, der sich sehr wohl auf dem vorgesehenen Pfad bewegt. Schwierig ist etwa der Wegfall abgesicherter Stromimporte aus dem Ausland – vor allem im Winter, wenn ohne EU-Rahmenabkommen diese Importe auf der Kippe stehen.
    Früher auf allen Kanälen,
    am 25.8.22 erstmals wieder ausführlich in der NZZ

    So weit so gut oder schlecht, je nach Sichtweise. Von einem kapitalen Scheitern können allerdings nur die eingefleischten Energiewende-Gegner (und einige wenige Gegnerinnen) sprechen. Sie haben es ja schon immer gewusst – was die Zukunft etwa bezüglich der Importmöglichkeiten aus Europa betrifft, wissen aber auch sie nicht mehr – diese werden sich in den kommenden Jahrzehnten sicherlich weiter entwickeln.

    • Dr. med. Engel

      „Schwierig ist etwa der Wegfall abgesicherter Stromimporte aus dem Ausland – vor allem im Winter, wenn ohne EU-Rahmenabkommen diese Importe auf der Kippe stehen.“
      Denken Sie in der Tat, dass ein einziges Land Strom in die Schweiz exportieren würde, wenn dort selber eine Mangellage herrscht ?
      Und ohne das EU-Rahmenabkommen nicht, aber mit dem EU-Rahmenabkommen würden sie bei gleichzeitigem Strommangel den Strom in die Schweiz exportieren !?
      Denken Sie das wirklich ?
      Wie naiv kann jemand sein, der sich „Ökonom“ nennt ??

      • Guntram Rehsche

        Die Schweiz ist dank ihrer verfügbaren Kaufkraft noch immer zu den benötigten Waren gekommen – ausser in Zeiten direkten Krieges vielleicht. Wie schon Bundesrätin Leuthard festhielt, ist im Gegenteil das Streben nach völliger Autarkie naiv – bei Nahrungsmitteln sind wir es im Übrigen auch nicht (Selbstversorgungsgrad rund 50%). Ich mache jede Wette, dass wir selbst im kommenden Winter keinen gravierenden Strommangel erleiden werden! Und mit Atomstrom können wir einen allfälligen teilweisen Mangel der Energieversorgung schon gar nicht ausgleichen (woher nehmen und nicht stehlen?).

        • Martin Schlumpf

          Wenn man meine erste Grafik anschaut muss man schon vollständig blind (oder unwissend) sein, um die Wichtigkeit und hohe Qualität des Atomstromes zu leugnen: Mit dem Strom aus Mühleberg hätten wir mehr „ersetzt“, als Frau Sommaruga vermutlich jetzt noch notfallmässig hinkriegen wird. Leute wir Rehsche, die dafür sind, dass wir KKW abstellen, sind für eine allfällige Mangellage im Winter verantwortlich.

      • Dr. med. Engel

        Auf meine Kritik in Bezug auf Ihre Fixierung auf das „EU-Rahmenabkommen“ sind Sie nicht eingegangen.
        Denken Sie in der Tat, dass ein einziges Land uns Strom liefern würde, wenn dort selber eine Mangellage herrscht ?
        Also MIT dem „EU-Rahmenabkommen“ schon ?
        Aber OHNE das „EU-Rahmenabkommen“ nicht ?
        So sehen Sie das.
        Und glauben Sie das auch wirklich ?

  2. Peter Molinari

    Was in der Schweizer Energiepolitik seit Fukushima (2011) gelaufen ist kann nicht anders bezeichnet werden, als ein katastrophales Versagen der Politik!
    Es wäre ja noch entschuldbar, wenn nicht viele Fachleute seit mehreren Jahren davor warnten, dass wir mit der Energie“strategie“ 2050 mit offenen Augen in eine Wand fahren. Aber die Entscheidungsträger, welche kaum kWh und kW voneinander zu unterscheiden wissen, meinten es besser zu wissen und meinen es z.T. heute noch.
    Wann werden diese Versager zur Rechenschaft gezogen??

  3. Arturo Romer

    Herr Prof. Martin Schlumpf hat hier einen sehr guten Artikel geschrieben. Seine Kritik ist berechtigt und notwendig. Der Leser sollte jedoch wissen, wer dieses heutige Energiegesetz ausgearbeitet hat: Frau Bundesrätin Doris Leuthard. Das Schweizer Volk hat am 21. Mai 2017 dieses katastrophale Gesetz im Rahmen eines Referendums mit 58.2% Ja-Stimmen angenommen. Wurde das Volk absichtlich irre geführt? Was würde das Volk heute sagen?

  4. Dr. med. Engel

    Gut ausgewähltes Bild von Sommaruga.
    Die ideologische Maske müsste noch weiter nach oben rutschen, damit nicht nur die Atmung beeinträchtigt ist, sondern ebenfalls die Sicht.
    Kein Durchblick.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert