Energie Klima

Fragwürdiger Rekord

Dieser Beitrag ist auch auf dem Carnot-Cournot-Netzwerk , auf der neuen Klima-Webseite Cool-Down, unter der Rubrik “Die Energiefrage” des Deutschen Arbeitgeberverbandes und in unserer Lokalzeitung “Die Botschaft” erschienen. Zudem in erweiterter Fassung unter dem Titel «Deutschlands Flatterstrom-Drama» in Zusammenarbeit mit Alex Baur in der Weltwoche Nr. 21/19.

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energieerzeugung (ISE) twittert: Neuer Rekord! Am Ostermontag hatten die Erneuerbaren Energien einen Anteil von 77% an der öffentlichen Nettostromerzeugung! Und der Spiegel beschreibt denselben 22. April 2019 in seiner neusten Ausgabe als Tag, an dem die Welt in all ihrer Schönheit nicht nur Idee geblieben, sondern bereits Wirklichkeit geworden sei. „An diesem Tag schien die Sonne von morgens bis abends, der Wind trieb die Windmühlen im ganzen Land zur vollen Leistung … Es war ein Zauber, das perfekte Zusammenspiel aus Natur und moderner Technik. Leider hielt er nur für diesen einen Tag“.

Grösste Euphorie also für einen tatsächlich aus Produktionssicht idealen Sonne-Wind-Tag im vergangenen Monat. Allerdings – der Spiegel weist darauf hin – war es ein Ausnahmetag. Dies ist leicht in der folgenden Grafik des erwähnten Fraunhofer ISE zu erkennen: Sie zeigt den Verbrauch, die Produktion (ohne Kernkraft, Biomasse und Wasser) und die Preise des deutschen Stromsystems im April 2019:

Tatsächlich sieht man am 22. April (blauer Kasten), dass die Fläche unter der schwarzen Verbrauchskurve zum grössten Teil mit gelb = Solar und grün = Wind gefüllt ist. Ebenso auffällig sind aber die blaue und rote Kurve, die genau an diesem Tag extrem in den Minusbereich abfallen! Mit diesen Kurven wird die Preisentwicklung des Stroms an der Börse dargestellt, also der Wert des Stroms zu jeder Stunde des Monats. Die Grafik zeigt, dass am Ostermontag der Strom über mehrere Stunden nicht nur wertlos war, sondern dass sogar ein deutlicher Negativpreis dafür bezahlt werden musste, damit überhaupt jemand diesen Strom abnahm. Wie kommt es zu einer solchen Situation?

Wesentlich mitentscheidend ist die geringe Nachfrage: Die schwarze Last-Kurve zuoberst in der Grafik zeigt diesen Bedarf an. Über das gesamte Osterwochenende, 19. – 22. April, war er um bis zu 20 GW geringer als an den Arbeitstagen zuvor und danach. Die Industrie- und Dienstleistungsbetriebe stehen still, die Leute fahren nicht zur Arbeit und schlafen länger. Und dazu kam, dass am 22. der Wind weit überdurchschnittlich blies. Somit stand ein zu grosses Produktionsangebot einem geringen Verbrauchsbedarf gegenüber. Der Markt gab die Antwort mit Negativspitzenpreisen bis -244 €/MWh!

Die daraus resultierenden Verluste an der Strombörse summierten sich allein an diesem Tag auf fast 17 Mio €. Zusammen mit der gesetzlich geregelten Subventionierung jeder Kilowattstunde Grünstrom im Umfang von 115 Mio € läpperte sich ein finanzieller Verlust von über 130 Mio € zusammen. So teuer kann dieser Naturstrom, der angeblich keine Rechnung schickt, an einem Tag zu stehen kommen.

Mit etwas mehr Realismus, als ihn ISE und Spiegel kennen, kann man das Fazit ziehen:

  1. Die Klimapolitiker konnten den Ostermontag als Erfolg feiern, da die CO2-Emissionen aus der Stromproduktion geringer waren als üblich.
  2. Aus ökonomischer Sicht war der Feiertag ein Disaster, weil das vermeintlich ideale Angebot keineswegs verbrauchsgerecht war.
  3. Vor allem aber, es muss wiederholt werden, war er ein absoluter Ausnahmetag. In der Grafik kann man Tag für Tag beobachten, wie absolut unerlässlich die fossilen Energieträger für das deutsche Stromsystem sind (grau eingezeichnet unter Sonne und Wind): Ohne, Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke, die eine Grundlast abdecken und in die Lücke springen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, würden auch in einem sonnenreichen Frühlingsmonat wie dem April die Lichter in Deutschland ausgehen.

 

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