Homo Sapiens

Gewaltrückgang

Steven Pinker, Gewalt (Eine neue Geschichte der Menschheit), 2013
Original: The better Angels of our Nature. Why Violence has declined, 2011
Zusammenfassung aus dem Vorwort des Buches.

Dieses Buch handelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in der  friedlichsten Epoche leben, seit unsere Spezies existiert. Natürlich war es kein stetiger Rückgang; die Gewalt ist auch nicht auf Null zurückgegangen; und es gibt keine Garantie, dass es so weitergeht.

Berichtet wird über sechs Trends, fünf innere Dämonen, vier bessere Engel und fünf historische Kräfte.

Sechs Trends

  1. Der Befriedungsprozess
    Im Übergang einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern zu den ersten landwirtschaftlich geprägten Hochkulturen und Staatsgründungen (vor 5000 Jahren) ging der Anteil gewaltsamer Todesfälle auf etwa ein Fünfel zurück.
  2. Der Zivilisationsprozess
    Zwischen Spätmittelalter und dem 20. Jhdt. erlebte Europa einen zehn- bis fünfzigfachen Rückgang der Mordquote, der auf dem Ausbau der Staaten zu großen Königreichen mit zentraler Behördenautorität und einer Infrastruktur für Handel beruht.
  3. Die humanitäre Revolution
    Seit dem späten 17. Jhdt. (Aufklärung) gab es Bestrebungen zur Abschaffung geächteter Formen der Gewalt wie Sklaverei, Duelle, Folter, Tötung aus Aberglaube und Grausamkeit gegenüber Tieren; gleichzeitig regte sich zum ersten Mal der Pazifismus.
  4. Der lange Frieden
    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte eine beispiellose historische Entwicklung ein: Die Großmächte und ganz allgemein die höher entwickelten Staaten führten keine Kriege mehr gegeneinander.
  5. Der Neue Frieden
    Seit dem Ende des Kalten Krieges 1989 sind Bürgerkriege, Völkermord, und terroristische Anschläge auf der ganzen Welt zurückgegangen. Dieser Trend steht natürlich noch auf tönernen Füßen.
  6. Die Revolution der Rechte
    Eingeleitet durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 entwickelte sich ein wachsender Widerwille gegen Aggressionen im kleineren Maßstab: ausgedrückt als Bürgerrechte, Frauenrechte, Rechte der Homosexuellen, Kinderrechte und Rechte von Tieren.

Fünf innere Dämonen
Aggression ist nicht einfach ein Drang, der sich aufbaut, sondern das Produkt mehrerer psychischer Mechanismen, die sich in ihren äußeren Auslösern, ihrer inneren Logik, ihren neurobiologischen Grundlagen und ihrer gesellschaftlichen Verteilung unterscheiden.

  1. Rauflust oder Räuberische Gewalt ist schlichte Anwendung von Gewalt als praktisches Mittel zum Zweck.
  2. Dominanz oder Herrschaftsstreben ist der Drang nach Ansehen, Ruhm und Macht.
  3. Rache ist der Antrieb für das moralistische Streben nach Vergeltung, Bestrafung und Gerechtigkeit.
  4. Sadismus ist Lust am Leiden anderer.
  5. Ideologie ist ein gemeinsames Glaubenssystem, das im Streben nach dem unendlich Guten unendliche Gewalt rechtfertigt.

Vier bessere Engel
Menschen sind nicht von Geburt an gut. Aber sie sind mit Motiven ausgestattet, mit denen sie sich weg von Gewalt und hin zu Kooperation und Altruismus entwickeln können.

  1. Empathie hilft uns die Schmerzen anderer zu empfinden.
  2. Selbstbeherrschung ermöglicht es uns, die Folgen unserer Gewaltimpulse vorauszusehen und sie im Zaum zu halten.
  3. Moralgefühl schreibt ein System von Normen und Tabus fest, die über die Wechselbeziehungen der Menschen in einer Kultur bestimmen.
  4. Vernunft versetzt uns in die Lage, unsere Lebensführung zu reflektieren und abzuleiten, auf welchen Wegen es uns besser gehen könnte.

Fünf historische Kräfte
Im Zusammenspiel historischer und psychologischer Aspekte werden fünf Kräfte genannt, die den Rückgang der Gewalt in mehrfacher Hinsicht vorangetrieben haben.

  1. Leviathan: der Staat mit seiner Justiz und legitimen Gewaltanwendung kann Raublust, Racheimpulse und eigennützige Voreingenommenheiten entschärfen.
  2. Wirtschaftliche Zusammenarbeit, der Austausch von Waren und Gedanken führt dazu, dass andere Menschen lebendig wertvoller sind als tot, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie zum Ziel von Dämonisierungen werden, sinkt.
  3. Feminisierung hilft, die Interessen und Werte der Frauen besser zu respektieren.
  4. Weltbürgertum (Bildung, Reisen, Massenmedien) trägt dazu bei, den Geltungsbereich des eigenen Mitgefühls auf andere zu übertragen.
  5. Vernunft (rationale Anwendung unserer Erkenntnisse) kann uns zur Erkenntnis bringen, dass Kreisläufe der Gewalt nutzlos sind, und dass sie als Problem betrachtet werden sollten, das es zu lösen gilt, und nicht als Wettbewerb, den man gewinnen muss.

Wenn man erkennt, dass die Gewalt zurückgeht, sieht die Welt plötzlich anders aus. Die Vergangenheit wird weniger harmlos, die Gegenwart weniger düster. Man beginnt, kleine Geschenke des modernen Miteinander zu schätzen, die unseren Vorfahren utopisch erschienen wären: die gemischtrassige Familie, den aufmüpfigen Kabarettisten, die Staaten, die vor einem Konflikt zurückschrecken, statt in den Krieg zu ziehen.
Das ist nicht Selbstzufriedenheit. Wir freuen uns über den Frieden im Wissen, dass er durch die Anstrengungen früherer Generationen zustande gekommen ist. Und auch wir sollten weiter daran arbeiten, abstoßende Gewalt zu vermindern, die auch heute noch geblieben ist. Eine Wertschätzung für den Rückgang der Gewalt ist auch eine Bestätigung dafür, dass solche Bemühungen sich lohnen.

  1. Eine treffende Analyse in prägnanten Worten zusammengefasst. Die gute alte Zeit war demnach nicht so gut wie ihr Ruf. Trotzdem denkt man gerne an die Sechzigerjahre mit (v/o) Geni, Kari Haller, Piz, Sujet et al zurück.

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