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Hitze kann tödlich sein – Kälte aber noch viel mehr

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 55“ im Online-Nebelspalter vom 19. September 2022 zu lesen.

Die wöchentlichen Daten des Bundesamtes für Statistik zeigen von Mitte Juni bis Anfang August dieses Jahres eine sogenannte Übersterblichkeit in der Altersklasse der Über-65-Jährigen. Dies bedeutet, dass in diesem Sommer unter den Pensionierten mehr Todesfälle zu verzeichnen waren, als verglichen mit dem mehrjährigen Durchschnitt erwartet werden musste. Dabei spielte Covid-19 praktisch keine Rolle: Nach den Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit ist weniger als ein Fünftel dieser Übersterblichkeit darauf zurückzuführen.

Was wichtig ist:

– Todesfälle wegen Kälte sind in der Schweiz über 30-mal häufiger als Todesfälle wegen Hitze.
– Die Sterblichkeit wegen Hitze ist bei den Über-80-Jährigen leicht gestiegen. Die Sterblichkeit wegen Kälte hat aber deutlich abgenommen.
– Die Anpassungen an neue klimatische Bedingungen sind viel bedeutender als die Auswirkungen der Erderwärmung.

Somit scheint klar, dass der soeben zu Ende gegangene Hitze in diesem Sommer eine erhöhte Zahl an Todesopfern gefordert hat. Wie bedeutend ist das aber, wenn man die langjährige Entwicklung der Todesfälle wegen extremen Temperaturen, also Hitze und Kälte, in Betracht zieht? Eine im vergangenen März an der Universität Bern publizierte Studie hat sich diesem Thema mit beeindruckend reichem Datenmaterial angenommen (siehe hier). Zwei Kernfragen standen dabei im Zentrum: Welche Trends sind bei der temperaturabhängigen Sterblichkeit in der Schweiz auszumachen? Und in welchem Umfang ist dabei der Alterungsprozess der Bevölkerung verantwortlich?

Der Kältetod ist über 30 mal häufiger als der Hitzetod

Die Berner Studie, die im Fachblatt «Environmental Health Perspectives» publiziert worden ist, bezieht sich auf den Zeitraum von 1969 bis 2017. Für diese Zeit haben die Forscher zwei Datenbanken zusammengestellt: Eine erste mit allgemeinen Sterblichkeitsdaten und eine zweite mit den mittleren Tagestemperaturen für alle Schweizer Gemeinden. Die Sterblichkeitsdaten haben sie in drei Altersgruppen geteilt: Alle Unter-65-Jährigen, alle 65-79-Jährigen und alle 80-und-mehr-Jährigen.

Die Studie kommt zum Schluss, dass der Anteil der durch extreme Temperaturen verursachten Todesfälle über die ganze Zeit im Schnitt gut 9 Prozent aller Todesfälle ausmacht. Dabei sind aber 8,91 Prozent kältebedingt und nur 0,28 Prozent hitzebedingt. Die Gefahr, im Sommer an Hitze sterben zu müssen, ist also 32 mal kleiner, als die Gefahr im Winter wegen Kälte den Tod zu finden. Oder: Nur jeder 355. stirbt an Hitze, aber jede 11. an Kälte.

Wie aber haben sich die Zahlen im diesem Zeitraum von knapp fünfzig Jahren und innerhalb der drei Altersgruppen entwickelt? Dies zeigt die folgende Grafik, die der Studie entnommen ist.


Die Grafik zeigt im linken Teil (rot) die Sterblichkeit wegen Hitze und im rechten Teil (blau) diejenige wegen Kälte. Von oben nach unten sind die Ergebnisse in fünf Zeilen für die fünf Dekaden des Zeithorizonts dargestellt. Dabei sind auf jeder Dekadenzeile die Resultate für die drei Altersgruppen aufgeführt: Von oben nach unten, von hell bis dunkel gefärbt, die Unter-65-Jährigen, die 65-79-Jährigen und die 80-Jährigen und darüber.

Hitzewellen sind nur für Über-80-Jährige gefährlicher geworden

Dabei zeigen die Kolonnen A und C absolute jährliche Zahlen der Übersterblichkeit, während in den Kolonnen B und D die Sterblichkeitsquoten pro 100’000 der Bevölkerung aufgeführt sind. Weil in der Berechnung von Sterblichkeitsquoten der markante Bevölkerungsanstieg von 6,1 auf 8,4 Millionen für diesen Zeitrahmen bereits eingerechnet ist, konzentriere ich mich auf die Kolonnen B und D.

Betrachten wir zuerst die Trendentwicklung bei Hitzewellen in Kolonne B. Wir machen das, indem wir die erste Dekade von 1969 bis 1978 mit der letzten von 2009 bis 2017 vergleichen. Dabei zeigt sich, dass bei den Unter-65-Jährigen und den 65-79-Jährigen die Quote sehr klein ist und zudem sinkt. Das Gesamtresultat wird deshalb von der Entwicklung der Über-80-Jährigen bestimmt: Dort ist die Quote von 29,4 auf 39,1 gestiegen. Auf die ganze Bevölkerung umgerechnet ergibt sich aber nur eine Steigerung von 1,2 auf 2,1, weil die Gruppe der Über-80-Jährigen vergleichsweise klein ist. Eine Gefahrenquote von 2 aus 100’000 ist aber praktisch vernachlässigbar.

Kältesterblichkeit ist in allen Altersklassen stark zurückgegangen

Und wie sieht es bei den Auswirkungen kalter Temperaturen aus? Die Resultate finden sich in Kolonne D, wobei zu beachten ist, dass hier mit einer Skalierung auf der x-Achse bis 3000 gegenüber der Hitze-Kolonne B, die nur bis 120 geht, viel grössere Zahlen gezeigt werden. In allen Altersklassen sehen wir hier einen Rückgang der Sterblichkeitsquoten über die ganze Periode: Bei den Unter-65-Jährigen von 17 auf 2, bei den 65-79-Jährigen von 497 auf 101 und bei den Über-80-Jährigen von 2339 auf 738. Die Gefahr an Kälte zu sterben ist also in allen Altersklassen um 68 bis 88 Prozent gesunken. Umgerechnet auf die gesamte Bevölkerung ist die Quote von 104 auf 49 zurückgegangen.

Die Forscher betreiben bei der Präsentation der Studie unzulässiges Cherrypicking

Nicht berücksichtigt ist bisher der Trendverlauf über alle Dekaden. Da zeigt sich vor allem bei den Hitzequoten, dass dieser Trend nicht geradlinig verläuft, sondern ein Auf und Ab veranstaltet. Besonders auffällig ist der Ausreisser von 1999 bis 2008, der aber stark durch die einmalige Hitzewelle von 2003 geprägt worden ist. Aber: Die Zahlen sind hier generell so klein, dass man alle Bewegungen wie mit einem Vergrösserungsglas anschaut und entsprechend überschätzt. Wenn man diese Hitzetod-Quoten (die grösste ist 78) in die Skala der Kältetod-Quoten hinein denkt, ist kein Trend mehr sichtbar.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Bei den Kältetod-Quoten ist die Entwicklung eindeutiger: Nach einem ersten Rückgang stagniert sie und erfährt erst in der letzten Dekade einen weiteren Rückgang. Zudem kann man hier auch die Wichtigkeit der Quotenbetrachtung ablesen: In Kolonne C sieht man, dass die absolute Zahl der Todesfälle bei den Über-80-Jährigen zwar von 2603 in der ersten Dekade auf 3059 in der letzten Dekade gestiegen ist, ihre Quoten (Kolonne D) aber um 68 Prozent gesunken sind. Daraus folgt, dass die Zahl der Über-80-Jährigen in dieser Zeit stark zugenommen hat.

Und wie steht es mit dem Zusammenhang zum Klimawandel, der bei der Präsentation der Studie an der Uni Bern hervorgehoben wurde: «Unsere Ergebnisse belegen, dass der Klimawandel und die Bevölkerungsalterung eine doppelte Herausforderung für künftige Generationen darstellen.» Dabei wird unter Klimawandel aber ausschliesslich die zunehmende Bedrohung durch Hitzewellen verstanden und hervorgehoben, dass hier die Todesfälle stark zugenommen haben. Das wird begründet mit dem Anstieg der absoluten Zahlen (Kolonne A) zwischen der ersten und der schlimmsten Dekade von 1999 bis 2008. Damit betreiben die Forscher aber unzulässiges Cherrypicking, weil sie nicht auf die ganze Entwicklung schauen und die wachsende Bevölkerung ignorieren.

Bei den Auswirkungen von Kälte wirkt die Erderwärmung positiv

Bei der Präsentation der Ergebnisse beim Thema Kälte räumt die Uni Bern zwar ein, dass diese «den Menschen in weit grösserem Ausmass zu schaffen macht», behauptet dann aber, dass alle Verbesserungen bei den Lebensbedingungen, die zu weniger Kältetoten geführt haben, wegen der Überalterung in absoluten Zahlen wieder aufgehoben würden (siehe hier). Das ist aber eine seltsame Sicht, denn von aufgehoben kann nicht die Rede sein, wenn auch bei der Über-80-jährigen Bevölkerung grosse Fortschritte erzielt wurden. Und vor allem wird hier nirgends gesagt, was offensichtlich ist: Die Erderwärmung, die bei Hitze eine vergrösserte Gefahr darstellt, ist bei Kälte eine Hilfe.

Es zeigt sich wieder einmal, wie sehr die Menschen imstande sind, sich an klimatische Gegebenheiten anzupassen, wenn sie genügend Geld und Geist zur Verfügung haben.

Die Studie spricht vielmehr eine sehr klare Sprache: Wenn man den grossen Bevölkerungszuwachs mit einbezieht, ist die Kältesterblichkeit in allen Altersklassen über die letzten fünfzig Jahre signifikant gesunken, während die Hitzesterblichkeit nur bei den Über-80-Jährigen leicht gestiegen, in der gesamten übrigen Bevölkerung aber ebenfalls gesunken ist. Bei der insgesamt geringen Gefahr der sommerlichen Hitze sollten wir uns also darauf konzentrieren, den sehr alten Menschen so weit wie möglich Linderung zu verschaffen.

Darüber hinaus aber zeigt sich wieder einmal, wie sehr die Menschen imstande sind, sich an neue klimatische Gegebenheiten anzupassen, wenn sie genügend Geld und Geist zur Verfügung haben.

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