Homo Sapiens Politik

Keine AHV-Reform auf dem Buckel der Jungen

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 99“ im Online-Nebelspalter vom 5. Februar 2024 zu lesen.

Die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) wird überall als wichtiger Pfeiler unserer Altersvorsorge geschätzt. Dies sicher auch deshalb, weil das Versicherungsmodell der AHV auf der Solidarität zwischen den Generationen beruht: Die «Alten» sind auf die «Jungen» finanziell angewiesen, und die «Jungen» können sich darauf verlassen, dass sie im Alter auch wieder versorgt werden. Diese Generationen-Solidarität droht nun aber mit der Gewerkschafts-Initiative «Für ein besseres Leben im Alter (13. AHV-Rente)» kaputt zu gehen.

Was wichtig ist:

– Wegen der Pensionierung der Babyboomer werden in Zukunft immer weniger Werktätige für immer mehr Rentner sorgen müssen.
– Weil auch die Lebenserwartung im Alter 65 weiter steigen wird, können die AHV-Renten ohne zusätzliche Massnahmen gegen Ende dieses Jahrzehnts nicht mehr voll gedeckt werden.
– Nach Berechnungen des Bundes könnte das AHV-Defizit bis 2050 auf über 10 Milliarden pro Jahr ansteigen.
– Mit der Initiative für eine 13. Monatsrente kämen dann nochmals 5 Milliarden pro Jahr dazu.

Die AHV-Finanzierung kommt wegen demografischer Veränderungen zunehmend unter Druck. Seit 2010 erreichen die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge 1945 bis 1964 sukzessive das Rentenalter. Dieser Prozess dauert noch bis 2029. Dadurch steigt der Anteil der «Alten» (Ü-65) gegenüber den noch werktätigen «Jungen» (20-64), die für deren AHV-Rente aufkommen müssen.

2050 gibt es pro Rentner nur noch zwei Werktätige

Das Verhältnis der Menschen im Alter über 65 Jahre zu den Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahren wird im sogenannten Altersquotienten erfasst (siehe hier). Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung dieser Grösse, die für die AHV-Finanzierung zentral ist, im Zeitraum von 1971 bis heute, inklusive der Prognosen bis 2050.

Quelle: Bundesamt für Statistik / Martin Schlumpf

Der Altersquotient wird in Prozent angegeben. Damit wird ausgedrückt, wie gross der Anteil der aus dem Arbeitsleben ausgeschiedenen Pensionierten gegenüber der werktätigen Bevölkerung (20 bis 64 Jahre) ist. Wie die Grafik zeigt lag dieser Anteil 1971 bei 20 Prozent. Das heisst, damals kamen auf jeden Rentner fünf Werktätige. Heute (roter Strich) ist der Anteil der Rentner bereits bei 33 Prozent und er wird nach den Berechnungen des Bundesamtes für Statistik bis 2050 auf 47 Prozent steigen.

Bemerkenswert ist, dass das Tempo des Anstiegs ab heute bis etwa 2035 am höchsten ist. Das ist zum grössten Teil dem Babyboomer-Effekt geschuldet, dessen Einfluss ab den 2040er-Jahren abklingen wird. Natürlich gibt es bei diesen Prognosen Unsicherheiten bezüglich der Zahl der Geburten und dem Ausmass der Einwanderung. Die Grundtendenz ist aber klar: Während heute für jeden Rentner noch drei Werktätige einzahlen, sind es 2050 nur noch zwei.

Die Lebenserwartung im Alter steigt bis 2050 um drei weitere Jahre

Zusätzlich erhöht sich der Druck auf die AHV-Finanzen wegen der steigenden Lebenserwartung, die dazu führt, dass die Renten länger ausbezahlt werden müssen. Entscheidend ist dabei die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren. Das Bundesamt für Statistik (BfS) erstellt periodisch Prognosen für die Entwicklung dieser Lebenserwartung für Männer und Frauen bis ins Jahr 2050 (siehe hier). In der nächsten Grafik sind die Resultate des mittleren Szenarios zusammengefasst:

Quelle: Bundesamt für Statistik / Martin Schlumpf

Wie die Grafik zeigt, ist es immer noch so, dass Frauen im Schnitt rund zwei Jahr älter werden als Männer. Für die AHV-Diskussion ist jedoch entscheidend, dass wir davon ausgehen können, dass die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren bis 2050 kontinuierlich steigt: Die Menschen gewinnen in dieser Zeitspanne durchschnittlich rund drei zusätzliche Lebensjahre.

Gut ein Viertel der AHV-Einnahmen kommt vom Bund

Nachdem wir die Hauptfaktoren kennengelernt haben, die demografischen Druck auf die AHV ausüben, müssen wir als nächstes verstehen, wie die AHV finanziert ist. Entgegen dem, was das eingangs skizzierte Generationenmodell suggeriert, ist es nicht mehr so, dass die «Jungen» die «Alten» vollständig finanzieren: Im Jahr 2022 lag der Anteil der Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern an den knapp 50 Milliarden Franken, die die AHV insgesamt eingenommen hat, nur bei knapp drei Vierteln (73 Prozent). Der gesamte Rest von über 13 Milliarden kam aus Beiträgen der öffentlichen Hand.

Die Finanzierung der AHV geschieht also bereits jetzt zu gut einem Viertel aus dem Bundeshaushalt – also hauptsächlich aus Steuergeldern. Wie aber wirken sich die oben beschriebenen demografischen Veränderungen auf die Finanzen der AHV in Zukunft aus? Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat 2023 im Auftrag des Parlaments einen Bericht geschrieben, in dem unter anderem die Finanzperspektiven der AHV bis 2050 untersucht werden (siehe hier).

Bis 2050 droht das jährliche AHV-Defizit auf zehn Milliarden zu steigen

In diesem Bericht wird ein Referenzszenario berechnet, das davon ausgeht, dass die AHV bis 2050 weiter so finanziert ist, wie das bisher der Fall gewesen ist. In diesem Status quo-Szenario werden Prognosen für die sogenannten Umlageergebnisse der AHV bis 2050 abgegeben. Das jährliche Umlageergebnis der AHV erhält man, wenn man die vollständigen Ausgaben von den Einnahmen vor den Zinserträgen abzieht – also eine Bilanz unabhängig von den Schwankungen der Kapitalmärkte. In der folgenden Grafik habe ich die bekannten Zahlen der Umlageergebnisse von 1990 bis 2023 mit den projektierten Zahlen aus dem Referenzszenario des BSV kombiniert.

Quelle: Parlament / Bundesamt für Sozialversicherungen / Martin Schlumpf

Die Umlageergebnisse sind in Milliarden Franken angegeben. Negative Zahlen bedeuten, dass die AHV weniger eingenommen als ausgegeben hat. Alle Jahreszahlen habe ich zu Fünfjahres-Durchschnitten geglättet. Wie man sieht, sind die Finanzen der AHV bis heute mehr oder weniger ausgeglichen – im Rahmen von plus/minus einer Milliarde.

Das Bild ändert sich aber dramatisch ab 2029, wo das erste Defizit von 0,6 Milliarden Franken auftritt. Danach wachsen die Defizite kontinuierlich an, bis sie 2050 10,4 Milliarden erreichen. Selbstverständlich sind diese Zahlen ein Stück weit spekulativ, weil weder die Entwicklung der Bevölkerung noch diejenige der Wirtschaft langfristig exakt voraussagbar sind. Trotzdem ist die Tendenz eindeutig: Ohne zusätzliche Korrekturmassnahmen versinkt die AHV mittelfristig in grossen Schuldenbergen.

Der beste Ausweg besteht in der Erhöhung des Rentenalters

Wenn wir keine Rentenkürzungen haben wollen, gibt es drei mögliche Korrekturmassnahmen gegen diese AHV-Schulden: Erstens können wir die Beiträge der Versicherten erhöhen. Das ist die schlimmste Variante, denn damit bürden wir «Alten» (ich gehöre seit Jahren dazu) die ganze Last den «Jungen» auf und torpedieren damit den Generationenvertrag. Zweitens können wir die Staatsbeiträge erhöhen. Das ist gerechter, weil auch wir «Alten» uns beteiligen müssen. Und drittens können wir das Rentenalter erhöhen. Mit genügend Kompensationen wäre das wohl die fairste und effizienteste Lösung – bei der wir «Alten» allerdings auch ungeschoren davonkommen.

Bei einer Annahme der Initiative des Gewerkschafts-Bundes «Für ein besseres Leben im Alter (13. AHV-Rente)», würde die in der letzten Grafik gezeigte AHV-Bilanz ab 2026 zusätzlich um gut vier Milliarden, und bis 2050 um mehr als fünf Milliarden ins Minus gezogen. Wer dem zustimmt, trägt eine grosse Mitverantwortung für das Zerstören des Generationen-Gleichgewichts, mit dem wir bisher gut gelebt haben.

4 Kommentare zu “Keine AHV-Reform auf dem Buckel der Jungen

  1. Roland Renger

    Zumindest für Deutschland sagen die Periodensterbetafeln für 65-Jährige etwas anderes aus.
    https://t1p.de/6rg9

    2020/2022 hatten demzufolge Männer noch 17,63 und Frauen 20,9 Jahre zu leben.
    Das war auch schon mal mehr.

  2. Walter Krähenmann

    Lieber Herr Schlumpf, warum nicht einmal einen Schritt zurück und das Ganze aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
    Die Arbeitswelt veränderte sich dramatisch: viel weniger Arbeitskräfte leisten mehr oder werden sogar durch KI-Technik ersetzt. Systeme wie die AHV können so nicht mehr finanziert werden.
    Da braucht es doch eine grundlegend andere Finanzierung von AHV, IV und sogar Gemeindeausgaben.
    Das nötige Geld dafür muss man dort holen wo die Geschäfte florieren und immer weiter zunehmen.
    Beispiele sind eine Mikrosteuer auf alle Finanztransaktionen (einschliesslich Bitcoins…), dezidierte Steuern auf die Umsätze von Beratungsgesellschaften, Anwälten usw. Kurz, überall dort, wo heute immer mehr Umsatz gemacht wird. Da lässt sich mit sehr kleinen Umsatzabgaben gewaltiges Steueraufkommen generieren, das den Betroffenen keine Sorgen macht.

  3. Jürg Albers

    Sicher ist es notwendig, das Rentenalter zu erhöhen. Wenn es jetzt nicht gemacht wird, wird es immer teurer. Aber der grösste Fehler wurde einmal mehr bei den Pensionskassen gemacht. Statt bereits ab Arbeitbeginn (Lehre etc.) einen einheitlichen Prozentsatz bis zur Pensionierung zu bezahlen, werden die Beiträge erst ab Alter 25 erhoben, werden die Prozentsätze von je 3 bis 9% abgestuft und die Abzüge bei Gutverdienern gedeckelt. Da entgeht sehr viel steuerbegünstigtes „Zwangssparen“ und ältere Arbeitnehmer hätten bei einem einheitlichen Prozentsatz im Alter mehr Chancen eine Stelle zu bekommen oder diese zu wechseln. Weshalb sich weder Links noch Rechts mit dieser Lösung befasst, ist mir unverständlich. Dazu noch die Feststellung, dass unsere Altersvorsorge auf dem 3-Säulen-Prinzig aufgebaut ist. Über die 3.Säule, dem Sparen, spricht kaum noch jemand.

  4. Hans Graf

    Den Gewerkschaften geht es in erster Linie mal um den Erfolg. Auf wessen Kosten, wird bewusst ausgeblendet. Mit einer Annahme der 13. AHV Rente, würde u.a. dann aber umso eher eine generelle Erhöhung des Rentenalters ein Thema. Die Medien, die bezüglich AHV, noch vor nicht allzu langer Zeit, sogar von einem drohenden Generationenkonflikt warnten, versagen in diesem Fall nun aber kläglich. Es ist leider anzunehmen, dass die Meinungen darüber schon ziemlich gemacht sind. Es scheint, dieser sich nun offenbarende Giesskannen Rentenzustupf lässt sich kaum mehr jemand entgehen und wird auch nicht mehr gross hinterfragt. Umso mehr wird dann bei anderen Belangen wieder posaunt; „Nicht auf Kosten unserer Enkel“ Dass ich nicht lache!

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