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Mehr Nahrung von weniger Land

Die Landwirtschaft erzeugt zwar immer mehr Lebensmittel. Aber sie braucht dafür laufend weniger Boden. Denn der «Peak Landwirtschaftsland» liegt schon zwanzig Jahre hinter uns. Das ist eine gute Meldung für die Natur.

Der Originalbeitrag ist als “Schlumpfs Grafik 46” im Online-Nebelspalter vom 6. Juni 2022 zu lesen.

Viele Menschen sind verständlicherweise besorgt wegen der ständig steigenden Weltbevölkerung. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert gibt es aber verschiedene damit zusammenhängende Kennzahlen, die ihren Höchststand (Peak) überschritten haben. Da ist einmal der «Peak Child», den wir wahrscheinlich gerade erreicht haben: Die mittleren Prognosen der Uno gehen gegenwärtig von einem Plateau der Gesamtzahl der Kinder aus, das sich bis Ende dieses Jahrhunderts langsam etwas senkt (siehe hier).

Fast wie ein Wunder

Solche längerfristigen Prognosen sind natürlich mit grossen Unsicherheiten behaftet. Zusammen aber mit dem Faktum, dass die Wachstumsrate der Weltbevölkerung schon seit 1968 sinkt, gibt es berechtigte Hoffnung für eine mittelfristige Stabilisierung der Zahl der Menschen auf diesem Planeten. Und das ist wichtig, weil ja all diese Menschen ausreichend ernährt werden müssen. Ein «Peak Landwirtschaftsland» erscheint deshalb fast wie ein Wunder.

Schauen wir also genauer hin. Zum Glück gibt es dafür die Webseite «Our World in Data», die ich schon mehrmals benutzt habe. Das Team um den Gründer Max Roser sammelt und publiziert auf dieser Webseite eine Fülle von Materialien, die helfen sollen, bei den wichtigsten Problemen der Menschheit Fortschritte zu erzielen. Mit der Aufarbeitung einschlägiger wissenschaftlicher Datenbanken in interaktiven Grafiken werden die Resultate in attraktiver Form präsentiert (siehe hier).

Die folgende Grafik von «Our World in Data» zeigt die Entwicklung der globalen Landwirtschaftsfläche in den letzten tausend Jahren (siehe hier).

Seit 2000 nimmt die globale Landwirtschaftsfläche ab

Die Landwirtschaftsfläche umfasst das gesamte Land, das für den Anbau von Getreide und Gemüse sowie für das Weiden von Nutztieren gebraucht wird. Die Grafik zeigt, dass diese Fläche seit dem 18. Jahrhundert im Gleichschritt mit der Bevölkerungszahl explosionsartig zugenommen hat. Insgesamt wurden in den letzten 10’000 Jahren wegen dieser Zunahme ein Drittel der Wälder und zwei Drittel des wilden Graslandes zerstört. In meiner Grafik 44 konnte ich aber auch zeigen, dass wir in den 1990er Jahren den «Peak Waldzerstörung» feiern konnten: In den letzten dreissig Jahren ist der globale Abbau des Waldes auf ein Drittel gesunken (siehe hier).

In engem Zusammenhang damit steht das hier gezeigte Dach der Kurven am rechten Rand der Grafik: Im Jahr 2000 erreichte die globale Landwirtschaftsfläche ihre maximale Ausdehnung. Nach den Daten der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) lag die Bodennutzung bei diesem «Peak» knapp unter fünf Milliarden Hektaren. Das entspricht fast der Hälfte des gesamten fruchtbaren Landes der Erde.

Erstaunliche Entkoppelung der Produktion vom Landverbrauch

Seit 2000 aber nimmt die weltweite Agrarfläche langsam ab. Trotzdem geht dieser überraschende Rückgang einher mit einer landwirtschaftlichen Produktion, die in letzter Zeit sogar noch verstärkt zugenommen hat. Das zeigt die nächste Grafik für den Zeitraum der letzten sechzig Jahre.

Wiederum gestützt auf FAO-Daten, sieht man hier die Abkoppelung des Landverbrauchs von der landwirtschaftlichen Produktion: Mit einer eigenen Skala auf der linken Seite ist grün der Landverbrauch in Milliarden Hektaren angegeben. Und goldbraun mit eigener Skala rechts kann der Ertrag in Billionen inflationsbereinigten Dollar abgelesen werden. Nach ihrem «Peak» im Jahr 2000 hat die Landwirtschaftsfläche bis 2018 um rund 800’000 Quadratkilometer abgenommen, das entspricht gut der zweifachen Fläche von Deutschland. In der gleichen Zeit ist die Produktion von 2,7 auf 3,9 Billionen gestiegen. Das ist ein Plus von 44 Prozent.

Abnahme der Weideflächen trotz höherer Fleischproduktion

Dabei bedeutet «Peak Landwirtschaftsland» aber nur «Peak Weideland», nicht aber «Peak Ackerbau»: Die globalen Weideflächen für die Viehzucht sind zurückgegangen, während die Ackerflächen für den Anbau von Getreide weiterhin zunehmen. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, da die Fleischproduktion in den letzten fünfzig Jahren um das Dreifache gestiegen ist.

Dabei sind wir beim Fleischkonsum aber erstens stark auf Schweine und Hühner umgestiegen, welche zur Ernährung keine grossen Weideflächen benötigen. Und zweitens konnte auch die Rindtierhaltung mit der Intensivierung der Landwirtschaft auf immer mehr Weideflächen verzichten.

Dabei entsteht aber ein Konflikt einerseits mit den Ansprüchen an eine tiergerechte Haltung und andrerseits mit dem Umweltschutz: Wenn Tiere bei intensiver Landwirtschaft vermehrt im Stall gehalten werden, sparen wir zwar Land, verletzen aber das Recht der Tiere auf genügend Auslauf und gefährden zudem die Biodiversität. Umgekehrt steigt mit vermehrten glücklichen Freilandtieren der Landverbrauch wieder an. In der globalen Summe dominiert aber bei vermehrter Tierhaltung in Ställen die Einsparung von Nutzland.

Die Fleischproduktion benötigt mehr Fläche für Ackerbau

Deshalb müssen aber wieder mehr Ackerpflanzen als Futtermittel für diese Tiere verwendet werden. Tatsächlich wird etwa die Hälfte der Ackerbau-Produktion als Futter für die Nutztiere verwendet. Leider ist dabei der Kalorientransfer sehr ineffizient: Von hundert verfütterten Kalorien bleiben bei Pouletfleisch nur 13 Prozent und bei Rindfleisch sogar nur zwei Prozent übrig. Man braucht also relativ viel Land um relativ wenig Fleisch zu produzieren.

Zum ersten Mal ist die Menschheit imstande, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, ohne dafür immer mehr Land roden zu müssen.

Aus all diesen Gründen nimmt die globale Ackerbaufläche weiterhin zu. Die Produktion von Biofuels in Ländern wie den USA und Brasilien erhöht paradoxerweise den Flächenbedarf zusätzlich.

Trotz alledem erleben wir mit «Peak Landwirtschaftsland» einen historischen Moment. Denn zum ersten Mal sind wir imstande, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, ohne dafür immer mehr Land roden zu müssen. Ja wir haben sogar schon zwei Dekaden hinter uns, in denen wir der Natur Land zurückgeben konnten.

Die Zahl der Wildtiere in Europa nimmt seit 1960 stark zu

Die intensive Landwirtschaft zielt auf die Optimierung des Ertrags pro Fläche ab und nutzt dabei modernste Wissenschaft. Gleichzeitig verliert sie das Tierwohl und die Umwelt nicht aus den Augen. Wenn wir künftig die Landwirtschaft noch verstärkt intensivieren, könnte uns global gelingen, was in Europa schon erreicht ist: Es gibt immer mehr Wildtiere (siehe nächste Grafik).

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Bestände von 17 Wildtieren im Europa zwischen 1960 und 2013: Ausser dem Iberischen Luchs verzeichnen alle eine Zunahme zwischen 90 und sagenhaften 14’000 Prozent (siehe hier).

1 Kommentar zu “Mehr Nahrung von weniger Land

  1. Arturo Romer

    Herr Prof. Martin Schlumpf behandelt hier seriös ein sehr wichtiges Thema. Der Satz “Mehr Nahrung von weniger Land” löst einerseits Hoffnung aus. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass heute auf der Erde noch mehr als 800 Millionen Menschen an Hunger leiden. Heute leben auf der Erde rund 8 Milliarden Menschen. Im Jahre 2100 werden es zirka 10 Milliarden Menschen sein. Wie werden sich diese ernähren? Die Nahrungszusammensetzung und ganz besonders der Fleischkonsum vom Jahre 2100 wird einen grossen Einfluss auf den künftigen Landverbrauch haben. Es braucht noch sehr viel Forschung, Wissenschaft und Entwicklung. Sicher wird die Biotechnologie der nächsten 80 Jahre ein wichtiger Teil der Lösung sein.

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