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Mehr Wohlstand trotz Bevölkerungsexplosion

Seit der landwirtschaftlichen Revolution vor 12’000 Jahren ist die Weltbevölkerung über Jahrtausende nur langsam gewachsen. Ab 1700 nahm das Wachstum plötzlich stark zu. Im 20. Jahrhundert ist es gar regelrecht explodiert. Welches sind die wichtigsten Treiber?

Originalbeitrag «Schlumpfs Grafik, Folge 13» im Nebelspalter vom 28. September 2021.

Nach einer Todgeburt im frühen Alter von vierzehn Jahren gebar Eleonore von Kastilien ihrem Gatten, König Edward I von England, zwischen 1264 und 1284, noch fünfzehn Kinder. Neun davon starben bereits bevor sie zehn Jahre alt waren, und nur drei wurden älter als vierzig. Das Leid dieser Mutter, im Schnitt alle drei Jahre ein Kind beerdigen zu müssen, ist für uns heute unvorstellbar.

Für die gesamte vormoderne Epoche war dies aber der Alltag. Ohne Unterschied von Stand und Ansehen mussten die Frauen möglichst viele Kinder gebären – aus der schlichten Not heraus, dass viele von ihnen die Kindheit nicht überleben würden. Im ständigen Kampf, genügend zu essen zu haben, nicht in einen Krieg zu geraten oder von einer Seuche erfasst zu werden, blieb der Tod sehr oft der Sieger. Das führte zu einer – aus heutiger Sicht – jungen Bevölkerung, Menschen über vierzig waren sehr selten.

Bevölkerungsvermehrung dank besseren Lebensbedingungen

Dies alles zeigt, dass die Entwicklung einer Bevölkerung über die Zeit (ihre demografische Entwicklung) durch das Zusammenspiel der wichtigsten Lebensbedingungen dieser Menschengruppe geprägt ist: Eine Bevölkerungsvermehrung deutet auf Fortschritte bei diesen Grundlagen hin, ein Bevölkerungsrückgang signalisiert ein verschlechtertes Lebensumfeld.

Wie haben sich die Menschen nun über die Jahrtausende in diesem Kampf geschlagen? Und wie weit reichen unsere Zeugnisse zurück? Der heutige Stand der demografischen Forschung ist in der folgenden Grafik abzulesen, in der die Grösse der Weltbevölkerung seit der landwirtschaftlichen Revolution vor 12’000 Jahren gezeigt wird. Die Zahlen stammen von der Webplattform «Our World in Data».

(Click auf Grafik vergrössert diese) Horizontal sieht man die Zeitachse: Von links zuerst die 10’000 Jahre vor unserer Zeitrechnung (BCE = before common era) bis zum Jahr Null, und dann die 2’000 Jahre nach Christi Geburt. Vertikal ist die Grösse der Weltbevölkerung in Milliarden (billion) Menschen angegeben.

600 Millionen Menschen im Jahr 1700

Um die gezeigte rote Kurve besser beschreiben zu können, habe ich die gesamte Zeitspanne mit einem blauen Strich in zwei Perioden unterteilt: Vor und nach 1700. Vor 12’000 Jahren, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben, gab es schätzungsweise etwa 4 Millionen Menschen auf dieser Welt. Bis ins Jahr Null wuchs diese Zahl langsam auf knapp 200 Millionen an, danach beschleunigte sich die Entwicklung, um im Jahr 1700 600 Millionen zu erreichen. Zuvor hatte die schreckliche Pestepidemie des 14. Jahrhunderts Rückschläge verursacht.

Derselbe Entwicklungstypus – zuerst langsam, dann exponentiell gesteigert – ereignete sich dann nochmals nach 1700: Aber jetzt in unvergleichbar dramatischerem Ausmass. Nimmt man den durchschnittlichen Zuwachs pro Jahr zum Vergleichsmassstab, dann ist die Bevölkerung nach 1700 470 mal stärker gestiegen. Aber eben auch wieder nicht in regelmässigem Tempo. Wie aus der Grafik abzulesen ist, ging es bis 1928, bis die Zwei-Milliarden-Grenze erreicht war. Für dieses Plus von 1.4 Milliarden brauchte es also 228 Jahre. Die Drei-Milliarden-Grenze war dann 1960 überschritten, nach 32 Jahren. Und von da weg pendelte sich das Tempo der benötigten Zeit, um zur nächsten Milliarden-Grenze zu gelangen, auf zuerst 15 und dann konstant 12 Jahre ein.

Thomas Malthus prophezeite Hungersnöte

Wie haben die Menschen an der Schwelle zu dieser Bevölkerungsexplosion reagiert? Hatten sie eine Vorstellung davon, was auf sie zukommen würde? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum britischen Reverend Thomas Robert Malthus, der 1798 sein berühmtes Buch «An Essay on the Principle of Population» (Ein Aufsatz über das Bevölkerungsprinzip) veröffentlicht hat. Es lohnt sich, die Grundthese von Malthus genauer zu betrachten, weil seine Schlussfolgerungen bis heute bei Ressourcenfragen ins Spiel gebracht werden.

Malthus erkannte ein Prinzip, das er richtigerweise aus der Vergangenheit Englands ableitete. Zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Buches hatte sich die englische Bevölkerung gerade stark vermehrt, und es kamen berechtigte Zweifel auf, ob bei einem solchen Wachstum all diese Menschen genügend Nahrung finden würden. Daraus leitete Malthus folgenden Mechanismus ab: Die Bevölkerungszunahme geschieht von Generation zu Generation «geometrisch» (2, 4, 8, 16, etc), die Nahrungsproduktion wegen beschränkten Ressourcen aber nur «arithmetisch» (2, 3, 4, 5 etc). Somit muss unweigerlich der Moment eintreten, wo eine Hungersnot die Bevölkerung wieder dezimiert.

Malthus lag mit dieser Analyse der Demografie Englands richtig: Tatsächlich gab es immer wieder «Schwankungen» (Oscillations) zwischen Perioden mit wachsender Bevölkerung, und solchen, wo sie sie wieder zurück ging. Wo er aber total falsch lag, war seine Prophezeiung, dass dies immer so bleiben werde.

Die industrielle Revolution strafte Malthus Lügen

Es war nach der landwirtschaftlichen die zweite wichtige «Revolution», die industrielle ab Mitte des 18. Jahrhunderts, die Malthus Lügen strafte. Eine zentrale Rolle bei dieser Revolution spielte die Dampfmaschine, eine Wärme-Kraft-Kopplungs-Maschine, die nach entscheidender Revision durch James Watt 1761 patentiert, ihren Siegeszug zur Verbesserung der Industriekapazitäten (Massenproduktion) und des Verkehrswesens (Dampflokomotive) antrat – eine Entwicklung, die ohne gleichzeitigen Ausbau der Kohleproduktion undenkbar gewesen wäre.

Und ebenfalls in dieser Zeit wurde das Prinzip der Immunisierung durch Impfung entdeckt: der Arzt Edward Jenner hat als erster 1796 einen Knaben mit Kuhpocken infiziert, der sich dann als immun erwies.

Mit all diesen und vielen späteren Neuerungen wurde offenbar eine Entwicklung angestossen, die uns in die «Moderne» gebracht hat, und die sich in unserer Bevölkerungskurve spiegelt. Eine Welt mit zunehmend verbesserten Lebensbedingungen für zunehmend viele Menschen, in den Bereichen Gesundheit, Hygiene, Medizin, Wohlstand, Bildung, Freizeit, Kriege, Landwirtschaft, Politik, Armut, Hunger und Umwelt. Das heisst keineswegs, dass wir in einer perfekten Welt leben. Es gibt zahllose neue Probleme, die durch diese Entwicklung erst entstanden sind, aber es heisst doch, dass sehr vieles viel besser geworden ist.

In einem Fortsetzungsbeitrag in einer Woche gehe ich näher auf die demografische Wende im 20. Jahrhundert und die Zukunftsszenarien der Uno ein.

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