Energie Klima Politik

Mit einer wachsenden Wirtschaft Netto-Null CO2 erreichen

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 94“ im Online-Nebelspalter vom 18. Dezember 2023 zu lesen.

Soeben ist die 28. Klimakonferenz COP28 in Dubai mit gegen 100’000 Teilnehmenden zu Ende gegangen. Auf die Frage, was an dieser Riesenkonferenz erreicht wurde, gibt es sehr unterschiedliche Antworten. Die Antwort, die ich hier gebe, beruht vor allem auf der Analyse, wie sich die sogenannte Kohlenstoffintensität entwickelt hat. Mit diesem zentralen Kriterium punkto Dekarbonisierung bringt man die CO2-Emissionen, die wir senken wollen, in Relation zur Wirtschaftsleistung, die wir steigern wollen.

Was wichtig ist:

– 2023 haben die weltweiten CO2-Emissionen aus fossilen Quellen ein Allzeithoch erreicht.
– Der CO2-Ausstoss pro Dollar Wirtschaftsleistung sinkt aber seit über 60 Jahren ziemlich gleichmässig.
– Mit gleichbleibendem Tempo erreichen wir Netto-Null in den frühen 2070er-Jahren.
– Die Uno-Klimakonferenzen hatten bisher keinen erkennbaren Einfluss auf diesen Dekarbonisierungs-Prozess.

Die Idee für diese Kolumne gab mit ein Post des amerikanischen Umweltwissenschaftlers Roger Pielke Jr. (siehe hier). In diesem Post kommentierte Pielke zwei Grafiken aus dem neuesten Bericht «Global Carbon Budget 2023» (siehe hier). Dieser Bericht wird jährlich vom «Global Carbon Project» herausgegeben (siehe hier). Das ist eine Vereinigung von Wissenschaftlern, die den Stand des Wissens über die Entwicklung der globalen CO2-Emissionen wohl am besten wiedergibt.

Seit 1960 sind die CO2-Emissionen um das Vierfache gestiegen

Da ich wie Pielke der Meinung bin, dass man mit den zwei von ihm ausgewählten Grafiken eine gute Grundlage hat, um die bisherige Klimapolitik zu evaluieren, verwende ich sie hier ebenfalls. Die erste stellt die Entwicklung der globalen CO2-Emissionen seit 1960 dem Verlauf der Kohlenstoffintensität im gleichen Zeitraum gegenüber.

Quelle: Global Carbon Project / Roger Pielke Jr.

Die dicke schwarze Kurve zeigt den gesamten weltweiten Ausstoss an CO2-Emissionen in Gigatonnen pro Jahr seit 1960 (Massstab links). Bis ins Jahr 2023 ist dieser Jahresausstoss von 9,5 auf 37,5 Gigatonnen gestiegen: Das entspricht einem Zuwachs um das Vierfache. Die für das laufende Jahr projektierten 37,5 Gigatonnen stellen ein Allzeithoch dar.

Die Autoren haben ausserdem für die wichtigsten Wirtschaftskrisen seit 1960 farbige Geraden eingezeichnet, die jeweils den Trend der Emissionen in den fünf Jahren vor der Krise für weitere fünf Jahre über die Krise hinaus projizieren. Dadurch wird deutlich, dass jedes Mal, wenn die schwarze Emissionskurve abflacht oder gar sinkt, eine grössere wirtschaftliche Krise als Auslöser gewirkt hat. Jedesmal aber hat sich die Wirtschaft danach mehr oder weniger rasch wieder erholt, was letztlich zum übergeordnet gleichmässigen Aufwärtstrend der CO2-Emissionen geführt hat.

Die Wirtschaft dekarbonisiert sich seit Jahrzehnten gleichmässig

Schauen wir nun auf die zweite Kurve (blassrosa), die die Entwicklung der Kohlenstoffintensität zeigt. Dabei wird die jährliche Gesamtmenge an CO2-Emissionen durch das Total aller wirtschaftlichen Güter und Dienstleistungen (in kaufkraftbereinigten Dollars) dividiert. Dargestellt wird die Kohlenstoffintensität in Gramm CO2 pro Dollar (Massstab rechts).

Roger Pielke hat den linearen Trend dieser Kurve zwischen 1960 und 2023 als rote Gerade hinzugefügt. Man erkennt, dass die tatsächliche Entwicklung der Kohlenstoffintensität nur geringe Abweichungen von diesem Trend zeigt. Das heisst, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft seit 1960 praktisch gleichmässig vonstatten gegangen ist: Offensichtlich hatten die Klimakonferenzen, die es seit 1995 gibt, keinen Einfluss auf diese Entwicklung.

Bei gleichem Tempo würde Netto-Null anfangs der 2070er-Jahre erreicht

Die Kurve zeigt, dass die CO2-Emissionen zwischen 1960 und 2023 von 610 auf 270 Gramm pro Wirtschafts-Dollar gesunken sind. Das ist mehr als eine Halbierung – keine schlechte Leistung der Wirtschaft, die durch ständiges Bemühen um Effizienz und Innovation möglich geworden ist.

Man kann den hier ersichtlichen langjährigen Trend bis zu dem Punkt fortsetzen, wo die Kohlenstoffintensität der Wirtschaft auf null sinkt. Das ist theoretisch in den frühen 2070er-Jahren der Fall – deutlich später als im Pariser Klimaabkommen versprochen. Allerdings bergen solche Interpolationen in die Zukunft viele Unsicherheiten.

Einen Teil dieser Unsicherheiten können wir mit der zweiten von Roger Pielke ausgewählten Grafik wohl etwas einschränken. Denn in dieser kommt eine zusätzliche Bedeutung des Begriffs der Kohlenstoffintensität ins Spiel.

Quelle: Global Carbon Project

Diese Grafik zeigt die relativen Verhältnisse von fünf Parametern im Zeitraum von 1965 bis 2022. Alle Parameter zeigen globale Zahlen und sind auf das Stichjahr 2000 bezogen, wo sie den Indexpunkt 1,0 erhalten. Von oben nach unten sehen wir zuerst die Entwicklung des BIP (GDP, rosa), des Energieverbrauchs (Energy, hellgrün) und der fossilen CO2-Emissionen (blaugrün). Dabei fällt vor allem auf, wie ausserordentlich stark das BIP gewachsen ist, und wie sehr das Tempo dieses Wachstums seit 2000 sogar noch zugenommen hat.

Atomgegner stoppen Dekarbonisierung der Energiewirtschaft

Demgegenüber steigen die Kurven für Energie und CO2 nur rund halb so stark, und sie liegen ausserdem sehr nahe beieinander. Die Verhältnisse zwischen den Kurven werden durch die zwei noch verbleibenden Parameter analysiert. Die Kohlenstoffintensität der Energieerzeugung CO2/Energy (orange) beschreibt das Verhältnis zwischen CO2-Erzeugung  und Energie, und die Energieintensität der Wirtschaft Energy/GDP (blau) beschreibt das Verhältnis zwischen dem Energieverbrauch und dem BIP.

Die orange Kurve zeigt also die Kohlenstoffintensität der Energie, während die Kurve in der ersten Grafik die Kohlenstoffintensität der Wirtschaft insgesamt zeigt. Anhand der orangen Kurve ist ersichtlich, dass die CO2-Intensität des Energiesektors in den letzten knapp 60 Jahren nur leicht gesunken ist, und dies erst noch unregelmässig.

Pro Dollar brauchen wir immer weniger Energie

Denn am stärksten wurde die Energieproduktion zwischen 1970 und 1992 dekarbonisiert, in einer Zeit also, wo viele neue Kernkraftwerke ans Netz gegangen sind. Mit der stärker werdenden Anti-Atom-Bewegung wurde diese positive Entwicklung aber gestoppt. Erst um 2015 herum setzte wieder ein Trend zu weniger CO2 pro Energie ein, der bisher aber schwach ist. Geprägt ist dieser neue Trend vom Aufkommen der Neuen Erneuerbaren sowie einer partiellen Renaissance der Kernenergie vor allem in asiatischen Ländern.

Die Dekarbonisierung der Gesamtwirtschaft (1. Grafik) setzt sich zusammen aus der gerade besprochenen CO2-Intensität der Energie sowie dem noch fehlenden fünften Parameter, bei dem der Energieeinsatz pro Dollar Wirtschaftsleistung gerechnet wird (blaue Kurve). Dabei zeigt sich, dass der abnehmende Energieeinsatz hauptverantwortlich für die abnehmende Kohlenstoffintensität der Wirtschaft ist. Denn die blaue Kurve zeigt seit 1970 eine deutlich stärkere Abwärtstendenz als die orange. Dieser Abwärtstrend ist zudem sehr regelmässig.

Klimakonferenzen zeigen scheinbar keine Auswirkungen

Damit können wir über den Einfluss, den die Klimakonferenzen gehabt haben, noch etwas differenzierter urteilen: Diese Konferenzen hatten auf die Energieintensität keinen erkennbaren Einfluss, denn die entsprechende Kurve sinkt gleichmässig. Gleichzeitig konnten die Klimakonferenzen den Stillstand bei der Dekarbonisierung der Energiewirtschaft bis etwa 2015 nicht verhindern.

Fazit: Die Kohlenstoffintensität der Wirtschaft sinkt global gesehen seit 1960 stetig, weil es die Wirtschaft in erster Linie geschafft hat, für jeden erwirtschafteten Dollar immer weniger Energie einzusetzen – und dies bei einem massiven Anstieg der Wirtschaftsleistung. Bei der Dekarbonisierung des Energiesektors ist die Bilanz bisher aber weniger gut. Trotzdem müssen wir beide Entwicklungen weiter fördern, damit bis in einigen Jahrzehnten ein verträglicher Ausstieg aus der fossilen Energie möglich ist. Dies kann nur mit einer weiter wachsenden Wirtschaft gelingen.

1 Kommentar zu “Mit einer wachsenden Wirtschaft Netto-Null CO2 erreichen

  1. Hedi Bussmann

    ich gehe davon aus, dass Klimakonferenzen die Decarbonisierung eher hemmen, wenn man bedenkt wieviele Menschen da in Privatjets zu einem Punkt fliegen und wieder zurück. Diese Konferenzen sind absolut unnötig, der Austauch kann virtuell stattfinden, das ist weniger energieintensiv. Diese physischen Konferenzen sind sofort abzuschaffen…

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