Energie Politik

Offener Brief an Daniel Büchel, Vizedirektor Bundesamt für Energie

Energiewende gleich Importwende?

Sehr geehrter Herr Büchel

In der Energiestrategie 2050 wird dem Ausbau der Solarenergie unter anderem die Rolle eines Ersatzes der nach und nach wegfallenden Kernkraftwerke zugewiesen. Und oft hört man von Politikern und interessierten Kreisen, dass es kein Problem sei, die KKW durch neue Erneuerbare zu ersetzen.
In Ihrem Interview „Die Solarenergie wird marktreif“ im BfE-Magazin sagen Sie, dass es mit dem Ausbau der Solarenergie zügig und gut vorangehe, und erwecken damit den Eindruck, dass die Energiewende auf gutem Weg sei. Dass Sie dabei fundamentale Fakten, die ein ganz anderes Bild zeichnen, ausser Acht lassen, beunruhigt mich.
Zur Klärung möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen und freue mich, wenn Sie diese beantworten.

1) Führt die schrittweise Ausser-Betriebnahme der KKW nicht zwingend zu einer Import-Strategie?
In der Zeit vom August 2016 bis Februar 2017 waren die KKW Beznau 1 und Leibstadt wegen Störfällen vom Netz. Damit lieferten die KKW pro Monat rund 1’000 GWh weniger als üblich. Wie sah nun die Import/Export-Bilanz in diesem kritischen Winter 2016/17 aus? Ich liste hier für alle Monate zuerst den Importüberschuss und danach – als Vergleich – den 10-Jahres-Durchschnittswert der Import/Export-Bilanz in GWh auf:
Oktober 2016 +1’498 / +162; November 2016 +1’837 / +518; Dezember 2016 +1’665 / + 826; Januar 2017 +1’830 / +852; Februar 2017 +2’161 / +750; März 2016 +763 / +779.
Diese Statistik spricht für sich: Während sämtlichen fünf Wintermonaten, in denen der KKW-Strom reduziert war, wurden im Schnitt etwa 1’000 GWh mehr importiert als im 10-jährigen Durchschnitt, also genau die Menge, die bei den KKW fehlte; und im März, wo alle KKW wieder normal liefen, herrschten dann wieder normale Verhältnisse. Es zeigt sich also klar, dass der fehlende KKW-Strom praktisch vollumfänglich durch Importe gedeckt wurde.
Und es ist offensichtlich, dass der von Ihnen gepriesene Ausbau der Solarenergie praktisch nichts zum Ersatz der ausgefallenen KKW beigetragen hat.

2) Wie will das BfE den Strom ersetzen, der im nächsten Jahr durch die Ausser-Betriebnahme von Mühleberg wegfällt?
Wenn Mühleberg 2019 vom Netz geht, fallen pro Jahr rund 2’950 GWh weg. Das sind pro Monat knapp 250 GWh. Demgegenüber haben die PV-Anlagen 2016 214 GWh mehr produziert als im Vorjahr. Da dieser Zuwachs aber kleiner war als in den Vorjahren (!), benutze ich als Rechenmodell einen 5-Jahres-Durchschnitt des Stromzuwachses, der 232 GWh beträgt, oder 19 GWh pro Monat.
Der Zuwachs des PV-Stroms kann demnach rein rechnerisch in der Summe etwa 8% des wegfallenden Stroms des kleinsten KKW der Schweiz ersetzen. Diese Summenbetrachtung aber, die bereits zeigt, dass von einem Ersatz nicht die Rede sein kann, bildet ihrerseits jedoch keineswegs die kritischen Realitäten ab, weil im Winter fast nichts mehr von diesem wegfallenden Strom durch die Solaranlagen ersetzt werden kann.

3) Kann das BfE die Stromproduktion der PV-Anlagen in Stundenauflösung übers ganze Jahr ausweisen?
Die Belastbarkeit und Zuverlässigkeit eines Elektrizitätssystems erweist sich an den kältesten Wintertagen, wo der Bedarf am höchsten und der Beitrag der Wasserkraft relativ gering ist. Wenn man KKW-Strom durch PV-Strom ersetzen will muss also die Frage beantwortet werden können, wieviel Strom alle PV-Anlagen an einem besonders kalten und wolkenverhängten Wintertag zu jeder einzelnen Tagesstunde erzeugt haben; und natürlich zu allen andern Stunden des Jahres auch (Beispielsweise: Wieviel Überschuss gab es an einem wolkenlosen Juli-Sonntag?). Soweit ich sehe, können diese Fragen aber aus keiner der Statistiken des BfE beantwortet werden.
Für eine derat volatile Stromquelle wie die Solarenergie sind aber zuverlässige Zukunftsabschätzungen und realistische Systemdiskussionen erst möglich, wenn eine solche Datengrundlage existiert.
Ich habe schon vor längerer Zeit beim BfE den Vorschlag deponiert, dass solche Stunden- (oder besser noch Viertelstunden-) Ganganalysen öffentlich zugänglich gemacht werden. So wie das in Deutschland seit langem der Fall ist. Warum geschieht das nicht?

4) Was unternimmt das BfE damit die Wasserkraft wieder wirtschaftlich betrieben werden kann?
Die SATW-Studie, zu der sie sich in Ihrem Interview geäussert haben, attestiert der Wasserkraft herausragend gute Gesamtenergiebilanz-Noten.
Damit kontrastiert stark die Aussage von Suzanne Thoma, CEO der BKW, im NZZ-Standpunkte-Interview vom Sonntag, 3. Juni 2018. Dort hat Frau Thoma dargelegt, warum die Schweizer Wasserkraftbetreiber ihr Geschäft nicht mehr rentabel betreiben können und – was ich noch für bedenklicher halte – warum sie deshalb nicht mehr in neue Wasserkraftprojekte investieren! Der Grund liegt in den politisch gesetzten Rahmenbedingungen, die für die Betreiber zu schlecht, und teilweise auch zu unsicher sind, um sich langfristig zu engagieren. Zusätzliche Speicherkapazitäten in Stauseen oder zusätzliche Pumpspeicherwerke wären somit vom Tisch. Genau das also, was ein verstärkter Ausbau der neuen Erneuerbaren erfordern würde.
Die umweltfreundlichste Stromproduktionsform unseres Landes, in die unsere Vorfahren soviel investiert haben, droht so langsam ausgehöhlt zu werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf Ihre Antworten.

Mit freundlichen Grüssen
Martin Schlumpf

Dieser “Brief” ist auch auf dem Carnot-Cournot-Netzwerk aufgeschaltet

  1. Till Bandi

    👍 (brauche ich sonst kaum, ist aber hier offensichtlich angebracht – bin gespannt auf die Antwort) tb

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