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Prof. Knutti verwechselt Wissenschaft mit Politik

Reto Knuttis Replik in der aktuellen Weltwoche Nr.21 auf einen früheren Beitrag von Beat Gygi (Weltwoche Nr.19) ist voller Widersprüche und Auslassungen, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben, er bringt sogar falsche Zahlen und operiert teilweise mit Mitteln, die er seinen Gegnern vorwirft

Schon der Titel lässt aufhorchen «Naturgesetze sind keine Glaubenssache». Selbstverständlich nicht. Aber was hat das mit seinem Text zu tun? An keiner Stelle erläutert er ein Naturgesetz, das für diese Debatte von Bedeutung wäre. Dies ist bereits ein Indiz auf das was folgt: Er gibt vor, als Wissenschaftler zu reden, schreibt dann aber als alarmistischer Politiker. Ich gehe kurz auf fünf Punkte Knuttis ein.

Erstens kritisiert er Gygis Vorwurf, er, Knutti, würde den Klimawandel «indiskutabel negativ» darstellen. Dies sei eine Verzerrung. Wenn dem so ist, muss es also auch positive Folgen des Klimawandels geben. Allerdings wird man aber auf der Suche nach solchen Aspekten bei Knutti nirgends fündig. Somit bleibt Gygis Feststellung (vorderhand) gültig – es sei denn, Knutti klärt uns über solche positiven Auswirkungen auf.

Zweitens wirft er den Gegnern des CO2-Gesetzes vor, sie würden Auswirkungen herunterspielen und ablenken: «Das Paradebeispiel solcher Scheinargumente ist der geringe Einfluss der Schweiz», worauf er den Verweis auf das Pariser Abkommen und andere Verträge bringt. Warum sollte das ein Scheinargument sein? Machen wir kurz, was Wissenschaftler in solchen Fällen tun sollten: Zahlen liefern. Die jährlichen CO2-Emissionen der Schweiz haben am Weltgesamtausstoss einen Anteil von 0.1 Prozent. Dieser Beitrag von einem Tausendstel ist nach objektiven Kriterien gering und unbedeutend. Das ist eine einfache Tatsache, und in keiner Weise ein Scheinargument. Und alle Verweise auf Vertragsabmachungen und moralische Verpflichtungen haben damit nichts zu tun.

Drittens rechnet er vor, dass ein Schweizer Haushalt «jährlich Klimaschäden von über 10 000 Franken» verursache. Und dass dieser Betrag, zusammen mit den fossilen Heizkosten zeige, wie teuer der Klimawandel und der Status quo seien. Rechnen wir mal mit seinen Vorgaben nach. Mit konsumbasierten 110 Mio Tonnen CO2 zu einem Preis von 200 Franken pro Tonne und 3.8 Millionen Schweizer Haushalten ergeben sich jährliche Klimaschäden pro Haushalt von 5 770 Franken. Seine Zahl liegt also um das Doppelte zu hoch! Und Achtung: Das sind vorerst rein virtuelle Kosten. Im aktuellen Status quo werden diese ja nicht erhoben. Deshalb ist seine Folgerung, «dass die Massnahmen für ein ambitioniertes Klimaziel volkswirtschaftlich günstiger sind, als weiterzuwursteln wie bisher», falsch. Es ist es genau umgekehrt: Erst wenn wir das Gesetz annehmen, steigen die Kosten, und bewegen sich gegen die Höhe, die er dem Status quo zurechnet.

Viertens halte ich es für erstaunlich, wenn Gygis Hauptargument, sein Verweis auf das neue Buch «Unsettled?» von Steven Koonin, von Knutti mit keinem Satz erwähnt wird. Und nicht nur, weil es für Gygi so wichtig ist, – er bezeichnet es als Donnerschlag – sondern vor allem, weil es in dieser Debatte genau bei diesem Punkt zentral um eine wissenschaftliche Grundfrage geht, wo Knutti doch besonders zuständig ist. Koonin stellt nämlich die ständig wiederholte Meinung, die Klimawissenschaft sei abgeschlossen (settled), in Frage. Dies tut er ausführlich und mit breiter Abstützung auf wissenschaftliche Quellen, wie sie im Weltklimarat dargelegt werden. Warum antwortet Knutti darauf nicht?

Und fünftens gebe ich noch ein Beispiel für Knuttis Tendenz, als Politiker, und nicht als Wissenschaftler zu sprechen. Nach seiner Feststellung, dass das Klimaproblem menschenverursacht ist, schreibt er: «Die Technologie und das Geld, um es zu lösen, sind da.» Und gleich danach: «Die Dekarbonisierung ist machbar und lohnt sich.» Das sind massiv pauschalisierende Sätze, die mit Wissenschaft wenig zu tun haben. Und zudem steckt ein Widerspruch darin. Nach Knuttis Meinung haben wir alles, um das Problem zu lösen, und da es sich sogar lohnt, müsste doch die Entwicklung in Richtung Dekarbonisierung gehen. Das tut sie aber im globalen Rahmen überhaupt nicht, obwohl wir uns ja schon seit über zwanzig Jahren darum bemühen. Eine wissenschaftlich Analyse käme hier nicht darum herum, vor allem die Mittel kritischer zu hinterfragen: Offensichtlich funktionieren grüne Technologien heute noch zu wenig zuverlässig, brauchen zu viele Ressourcen und sind deshalb zu teuer, um auf der ganzen Welt zur Anwendung zu kommen. Und ebenso fraglich ist, ob auch überall auf der Welt das nötige Geld für eine Transformation vorhanden ist – vielleicht sollte Herr Knutti diese Frage den ökonomischen Spezialisten überlassen.

Dieser Beitrag ist auch auf dem Carnot-Cournot-Netzwerk zu lesen.

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