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Steigende CO2-Emissionen: Asien gibt den Takt vor

Trotz Corona-Delle ist der Trend der jährlich ausgestossenen CO2-Emissionen der Welt weiter steigend. Dabei haben die asiatischen Länder in den letzten fünfzig Jahren die USA und Europa in die zweite Reihe zurückgedrängt. Die Schweiz ist bedeutungslos.

Originalbeitrag «Schlumpfs Grafik, Folge 18» im Nebelspalter vom 1. November 2021.

In den Verhandlungen der zur Zeit tagenden Klimakonferenz in Glasgow spielen die CO2-Emissionen der einzelnen Länder eine entscheidende Rolle. Nach den Vorstellungen des Weltklimarates wäre eine Reduktion um 45 Prozent bis ins Jahr 2030 nötig, um das 1,5 Grad Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen. Wie weit wir trotz allen politischen Versprechungen davon entfernt sind, habe ich vor einer Woche gezeigt (siehe hier).

China und Indien spielen eine herausragende Rolle

Mit der folgenden Grafik werfen wir nun einen Blick auf die längerfristige Entwicklung dieser Emissionen seit 1970: Welches sind die wichtigsten Player im Weltkonzert? Welches Gewicht haben sie? Die dominierenden Regionen sind Asien, Europa und die USA. Da innerhalb Asiens aber China und zunehmend auch Indien herausragende Rollen spielen, nehme ich sie hier gesondert auch mit auf. Und damit das Ganze noch eine Art von Tiefenperspektive erhält, füge ich auch die Zahlen von Afrika (dem Kontinent mit dem grössten Bevölkerungswachstum) und der Schweiz hinzu.

Als Datenquelle benutze ich die Berechnungen des «Global Carbon Project» (siehe hier), so wie sie auf der Webseite «Our World in Data», im Dossier «CO2 and Greenhouse Gas Emissions» (siehe hier) verwendet werden. Dort sind viele interaktive Grafiken zu finden, bei denen man die Länderauswahl und die Zeitperioden selber wählen kann. Zusammengefasst ist alles in einer umfangreichen Datenbank, auf die ich mich hier beziehe.

CO2 von 15 auf 36 Gigatonnen gestiegen

Im gewählten Betrachtungshorizont von 1970 bis 2019 sind die jährlichen CO2-Emissionen der Welt von knapp 15 auf gut 36 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) CO2 gestiegen – mehr oder weniger in gleichmässigem Tempo. Die Grafik zeigt, wieviel Asien, China, Europa, die USA, Indien, Afrika und die Schweiz zu diesem starken Anstieg beigetragen haben:

(Click auf Grafik vergrössert diese) Der Löwenanteil am Gesamtanstieg dieser Weltemissionen um 21,6 Gigatonnen seit 1970 kommt von Asien (violett), das allein 17,5 Gigatonnen beigetragen hat (das entspricht 81 Prozent). Mehr als die Hälfte davon, 9,4 Gigatonnen, kommen aus China (rot), dessen Kohle-Energieboom zwischen 2002 und 2011 die Entwicklung entscheidend geprägt hat. Europa (gelb), das bis 1992 grösster Emittent war, hat seinen Ausstoss seit 1990 um gut 2 Gigatonnen reduzieren können, der grösste Teil davon allerdings schon bis zum Jahr 2000. Seit dann bewegen sich Europa und die USA (grün) praktisch im Gleichklang mit leicht sinkender Tendenz seit 2007. Dazu kommt noch der kontinuierliche Anstieg der indischen Emissionen (orange), im ganzen Zeitraum insgesamt um 2,4 Gigatonnen, während die leicht steigende Kurve Afrikas (dunkelblau) erst ein Plus von 1,1 Gigatonnen aufweist.

Was die Schweiz tut, ist bedeutungslos

Und die Schweiz? Ihre hellblaue Kurve, die der Nulllinie entlang geht, zeigt, dass in einem Massstab, wo wichtige Veränderungen der globalen CO2-Emissionen gezeigt werden, von der Schweiz nichts zu sehen ist. Alles was wir tun, ist in diesem Kontext bedeutungslos: Die Reduktion um 0,002 Gigatonnen seit 1970 ist nicht sichtbar.

Die in der Grafik gezeigte Entwicklung hat zu massiven Verschiebungen der Gewichte der einzelnen Player am weltweiten Gesamtausstoss geführt. Der Beitrag Asiens ist seit 1970 von 18 auf heute 56 Prozent gestiegen, derjenige Chinas in derselben Zeit von 5 auf 28 Prozent – mehr als die Hälfte der CO2-Emissionen pro Jahr kommen also aus Asien, und über ein Viertel aus China. In der gleichen Zeit sind die europäischen Anteile von 41 Prozent, und die amerikanischen von 29 Prozent auf je 15 Prozent zurückgegangen – die USA und Europa sind also zusammen nur mehr für ein knappes Drittel verantwortlich. Von den 2019 neben Asien, Europa und den USA noch verbleibenden 14 Prozent macht Afrika 4 Prozent und die Schweiz 0.1 Prozent aus, also ein Tausendstel der Welt.

China stösst viermal mehr aus als die EU

Die aktuellen Verhältnisse im Jahr 2019 lassen sich auch anschaulich darstellen, wenn man den Jahresausstoss Europas von 5,4 Gigatonnen als Massstab nimmt. Damit verglichen emittiert die Welt sieben Mal mehr, Asien vier Mal mehr, China zwei Mal mehr, die USA gleich viel, Indien die Hälfte, Afrika ein Viertel, und die Schweiz ein 140stel. Weil es bei der CO2-Frage aber immer um politische Entscheidungen geht, muss man Europa durch die Europäische Union ersetzen, deren Emissionen knapp über der Hälfte von Gesamteuropa liegen. Verglichen mit der EU-27 stösst Asien also acht Mal mehr CO2 aus, China vier Mal mehr, die USA zwei Mal mehr und Indien gleich viel.

Eine gute Botschaft gibt es in der hier gezeigten Entwicklung aber auch. Sie betrifft das Verhältnis der CO2-Emissionen zur Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandprodukt. Beginnend in den frühen 1970er Jahren ist dieses Verhältnis im globalen Rahmen kontinuierlich auf rund die Hälfte gesunken. Wir sind also heute imstande, unseren gesamten Warenkorb an Produkten und Dienstleistungen mit nur halb so viel CO2-Emissionen herzustellen, als dies 1970 möglich gewesen wäre. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist also seit langem schon im Gange.

Wann der «Peak Fossil» kommt, ist unklar

Und wie sehen die Zukunftsaussichten beim CO2 aus? Die Internationale Energieagentur hat vor kurzem eine Prognose herausgegeben, nach der der Höhepunkt der Nutzung fossiler Brennstoffe 2025 vorbei sein könnte, wenn sich alle Länder an ihre im Pariser Abkommen gemachten Versprechungen halten würden. Das ist natürlich fraglich, aber entscheidend ist, dass wir von einem kommenden «Peak Fossil» sprechen, also der Überwindung des Maximalverbrauchs an fossiler Energie, was wir bisher nicht geschafft haben. China zum Beispiel hat versprochen, ab 2030 seine CO2-Emissionen zu reduzieren. Und wenn man weiss, dass derzeit dort Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von über 240 Gigawatt im Bau sind (das entspricht der Leistung von 240 Kernkraftwerken vom Typ Gösgen), und auch in Indien die Kohle nach wie vor eine herausragende Rolle spielt, ist noch überhaupt nicht klar, wann «Peak Fossil» tatsächlich stattfinden wird.

Die hier besprochene Grafik und wenige Hinweise auf die Pläne Chinas und Indiens zeigen, wie wirkungslos es ist, globale Ziele erreichen zu wollen, bei denen Asien nicht mitspielt, und wie illusorisch es ist, zu glauben, wir könnten eine Energiewende hin zu Netto Null CO2 in kurzer Zeit erreichen: Eine solch fundamentale Transformation im globalen Kontext wird mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

1 Kommentar zu “Steigende CO2-Emissionen: Asien gibt den Takt vor

  1. Arturo Romer

    Dieser ausgezeichnete, gut verständliche und seriös dokumentierte Artikel beweist, dass das 1.5-Grad-Celsius-Limit des Pariser Klimaabkommens zu ambitiös ist. Das Pariser Klima-Ziel kann nicht erreicht werden. Das 1.5-Grad-Celsius-Limit ist Geschichte. Die Schweiz hat das Pariser Abkommen ratifiziert und sie wird es ganz sicher auch respektieren. Doch die Schweiz ist nicht die Welt. Unsere teuren Anstrengungen und Massnahmen haben gegenüber den heutigen und künftigen massiven CO2-Emissionen (speziell in Asien) überhaupt kein Gewicht. Wir sind eine vernachlässigbare, kaum messbare Grösse. Es wird leider weltweit noch sehr lange wärmer werden. Das ist Realismus und Wahrheit. Daher hat für die Schweiz die Klimawandel-Anpassung gegenüber der CO2-Reduktion absolute Priorität.

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