Energie Klima

Traurige Bilanz der Klimapolitik

Gastbeitrag Martin Schlumpf
Über 25 Jahre Kampf gegen die globale Erwärmung
Erschienen am 11. November 2017 im Tages-Anzeiger, S.12
Reposts in der Kolumne “Die Energiefrage” beim Deutschen Arbeitgeber Verband «hier», und auf dem Carnot-Cournot-Netzwerk «hier».

Traurige Bilanz der Klimapolitik

In der Berichterstattung über die gegenwärtig in Bonn stattfindende 23. UNO-Klimakonferenz wird viel über Prozesse der Konsensfindung und Verhandlungstaktiken geschrieben. Was aber fehlt ist ein Faktencheck: Wie erfolgreich sind die Bemühungen der UNO seit der ersten Konferenz in Rio 1992? Leider nicht sehr.

Das Kernthema der gesamten Klimapolitik ist die Dekarbonisierung, also der geforderte Ausstieg aus den fossilen Energien. Er soll eine Klimakatastrophe verhindern. Die erste Frage lautet deshalb: Wie sieht das Verhältnis von fossiler zu nicht fossiler Energie heute aus, und wie hat es sich in letzter Zeit entwickelt? Selbstverständlich muss man dabei den gesamten Weltenergieverbrauch ins Auge fassen. Im Jahr 2015 war dieses Verhältnis nach BP-Statistik 14 Prozent nicht fossil zu 86 Prozent fossil.

25 Jahre früher, zu Beginn der UNO-Klimakonferenzen, betrug der nicht fossile Anteil 12 Prozent. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts mit 22 Klimakonferenzen konnte der Anteil von Kohle, Öl und Gas weltweit also nur von 88 auf 86 Prozent gesenkt werden. Das zeigt einerseits, wie langsam das Tempo der Veränderung in Richtung Zukunft ohne Fossile bisher war. Und andrerseits folgt aus der Tatsache, dass heute erst 14 Prozent des Weltenergieverbrauchs aus nicht fossilen Quellen stammen, wie weit wir immer noch von einem aus Klimaschutzgründen geforderten Ziel von mindestens 90 Prozent entfernt sind.

Die Ernüchterung steigert sich noch, wenn wir diese 14 Prozent genauer unter die Lupe nehmen. Sie setzen sich aus 7 Prozent Wasserkraft, 4.5 Prozent Kernkraft und 2.5 Prozent übrige Erneuerbare zusammen. Da die Wasserkraft schon seit über 100 Jahren verwendet wird, und die Kernkraft höchst umstritten ist, setzen die meisten Umweltschützer ihre Hoffnungen in den raschen Ausbau der neuen Erneuerbaren: Biomasse, Wind und Sonne.

So stösst man in den Medien immer wieder auf Meldungen, die von hohen Zuwachsraten bei Wind und Sonne berichten, die es in einzelnen Ländern auch tatsächlich gibt. Für das Gesamtbild sind sie aber oft irreführend, weil auch beträchtliche prozentuale Zunahmen von geringen Ausgangsmengen noch nichts Grosses ergeben. Oft geht es auch nur um installierte Leistung und nicht um realen Ertrag.

Die zweite Frage lautet deshalb: Wie gross ist der Ausbau der fossilen Energieträger in den letzten 25 Jahren in absoluten Zahlen, verglichen mit demjenigen der neuen Erneuerbaren? Wiederum laut BP-Statistik betrug im Jahr 2015 der Mehrverbrauch von Kohle, Öl und Gas gegenüber 1990 4089 Millionen Tonnen Öläquivalent, die neuen Erneuerbaren verzeichneten einen Zuwachs von 340 Millionen Tonnen. Mit andern Worten: In dieser Zeitspanne ist der Verbrauch fossiler Energieträger 12-mal mehr gestiegen als derjenige der neuen Erneuerbaren.

Trotz 25 Jahren UNO-Klimapolitik sind noch immer 86 Prozent der Weltenergie fossil, dieser Anteil hat sich kaum verändert. Und die neuen Erneuerbaren, die gut 2 Prozent beitragen, sind in dieser Zeit 12-mal weniger ausgebaut worden als die Fossilen. Diese Zahlen zeigen, wie sehr unser heutiger Wohlstand noch immer ganz entscheidend von fossilen Energiequellen abhängig ist. Und wenn man bedenkt, dass in Indien der Pro-Kopf-Energieverbrauch heute noch vergleichsweise niedrig ist, von Sub-Sahara Afrika gar nicht zu sprechen, so wird rasch klar, dass der Weg in eine Zukunft ohne fossile Energie noch für mehrere Jahrzehnte eine gewaltige Herausforderung darstellen wird. Es erstaunt deshalb nicht, dass viele Kommentatoren und Klimaaktivisten diese unangenehmen Tatsachen lieber verschweigen.

  1. Dieser Artikel bringt die Problematik auf den Punkt: Die Trägheit des Energiesystems ist enorm.

    Um das Paris Klima Ziel zu erreichen, bleiben uns noch zwischen 150 und 1050 Gt CO2 Emissionen, wie das auch Christiana Figueres und Kollegen im Journal NATURE zusammenfassen. Sie stützen sich auf die von den IPCC untersuchten Klimamodelle ( https://www.nature.com/news/three-years-to-safeguard-our-climate-1.22201 ).

    Ob 150 oder 1050 Gt CO2 bleibt (bei jährlich 40 Gt Emissionen), die Transformation aus der Fossilenergie sollte bedeutend viel schneller sein als in der Vergangenheit. Das Ziel ist klar. Daher sollten wir handeln, statt verhandeln.

    Sein Energiesystem rasch auf einen neuen Kontext vorzubereiten ist auch im nationalen Interesse.

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