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Ungeplantes Glück: Wir werden immer älter

Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 96“ im Online-Nebelspalter vom 15. Januar 2024 zu lesen.

Der weltweite Wohlstand wächst anhaltend – und das, seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Industrielle Revolution eingesetzt hat (siehe hier). Parallel dazu steigt die Lebenserwartung – eine beispiellose Entwicklung. Die Gleichzeitigkeit ist nicht zufällig, denn zunehmender Reichtum ermöglicht erst die Fortschritte punkto Ernährung, sanitären Einrichtungen oder medizinischen Behandlungen, die notwendig sind, um die Lebenszeit der Menschen zu verlängern.

Was wichtig ist:

– Die Lebenserwartung der Menschen lag 1850 weltweit bei knapp 30 Jahren. Heute ist sie mit 71 Jahren mehr als doppelt so hoch.
– Der Anstieg der Lebenserwartung setzt um 1900 herum ein und verläuft auf der ganzen Welt bis heute praktisch ungebremst.
– Ein neugeborenes Kind kann in der Schweiz mit 84 Lebensjahren rechnen. In Afrika sind es aber nur 62 Jahre.

In der gesamten Vorzeit kämpften die Menschen zeitlebens gegen Armut und starben früh an Hunger oder unheilbaren Krankheiten. In den frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lag die Lebenserwartung schätzungsweise bei 20 bis 30 Jahren. Dann aber geschah plötzlich ein Art Wunder: Der Homo sapiens schaffte es nach über 99,9 Prozent seiner Zeit auf dieser Erde zum ersten Mal, Krankheiten effektiv zu bekämpfen und genügend Nahrung zu produzieren. Damit begann seine Lebenserwartung zu steigen – eine Steigerung, die bis heute anhält.

Für die Zeit vor 1950 existieren nur sporadische Daten

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung bei Geburt für die ganze Welt sowie für Europa, Asien und Afrika seit dem Jahr 1770. Die Grafik stammt von der Webseite «Our World in Data» (siehe hier). Diese Webseite ist wohl die beste Quelle, was die Entwicklung wichtiger Lebensbedingungen der Menschen angeht.  

Quelle: Our World in Data / M. Schlumpf

Wirklich zuverlässige Daten zur Lebenserwartung in den verschiedenen Ländern gibt es aber erst seit etwa 1950. Deshalb besteht jede Kurve in dieser Grafik ab 1950 aus einer Folge von Jahrespunkten. Davor existieren nur sporadische Daten. In Europa, das über die besten Quellen verfügt, liegen zuverlässige Zahlen schon länger als in Asien und Afrika vor.

Die wichtigste Datenquelle zur Lebenserwartung seit 1950 sind die «Perspektiven der Weltbevölkerung 2022» der Uno (UN «World Population Prospects 2022», siehe hier). «Our World in Data» hat diese Daten zusammen mit den Resultaten aus den wichtigsten Studien über historische Quellen in der obigen Grafik zusammengefasst.

Eine besondere Qualität von «Our World in Data» besteht darin, dass die Webseite interaktiv ist. Das bedeutet, dass man die Auswahl der dargestellten Daten (z.B. Länder, Regionen) sowie deren Darstellungsform steuern kann. Zum Beispiel lässt sich die Situation aller Länder in einem bestimmten Jahr auf einer Weltkarte zeigen. Und das gesamte Datenmaterial steht gratis zur Verfügung.

Wegen Corona sank die Lebenserwartung zum ersten Mal global

In meiner Auswahl zeigt die schwarze Kurve die weltweite Entwicklung der Lebenserwartung. 1800 liegt sie bei 28,5 Jahren, ohne Veränderung gegenüber den Jahrtausenden davor. Bis 1900 steigt die Kurve kaum merklich auf 32 Jahre, bevor sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts förmlich explodiert und bis 2019 auf das bisherige Maximum von 72,8 Jahren ansteigt. Verglichen mit 1900 ist das ein Plus von 128 Prozent. Danach sinkt die Kurve bis 2021 wieder auf 71 Jahre – wegen der Corona-Pandemie.

Dieser Rückgang fällt auf. Denn zum ersten Mal seit 1961 werden die steigenden Werte unterbrochen. 1959 und 1960 aber gab es einen noch stärkeren Einbruch der Lebenserwartung um fast vier Jahre. Dieser Einbruch ist jedoch im Gegensatz zu Corona auf lokale Ereignisse in Asien zurückzuführen, und zwar auf den «Grossen Sprung nach vorne» – eine Kampagne, die vom chinesischen Diktator Mao Zedong verordnet worden war. Die dabei angeordnete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft führte zur schrecklichsten je erlebten Hungersnot: Es starben 15 bis 55 Millionen Chinesen.

Menschen in Afrika werden heute so alt wie Europäer um 1950

Es ist erstaunlich, wie – abgesehen von diesen beiden Einbrüchen – alle vier Kurven weitgehend gleichmässig ansteigen. Dies tun sie allerdings zeitlich versetzt: Von der höheren Lebenserwartung profitieren zuerst die Europäer ab 1870 (blau), dann die Menschen in Asien ab 1915 (grün) und zuletzt die Afrikaner ab 1930 (violett).

Ausserdem ist in Europa, das schon 1970 das heutige Weltniveau von 70 Jahren erreicht hat, ab diesem Jahr eine deutlich langsamere Zunahme der Lebenszeit erkennbar. Eine solche Verlangsamung ist bisher weder in Asien noch in Afrika zu beobachten. Im Gegensatz dazu steigt in Afrika die Lebenserwartung seit dem Jahr 2000 gar beschleunigt. 2019 erreicht sie hier mit 63 Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt – ein Niveau, das Europa bereits 1950 erreicht hat.

Die hier gezeigten Spitzenwerte für Europa werden aber von einzelnen Ländern noch überboten. Die Rangliste der Länder mit der höchsten Lebenserwartung im Jahr 2019 (vor Corona) sieht so aus: 1. Monaco: 86,5 Jahre, 2. Hongkong: 85,3 Jahre, 3. Japan: 84,4 Jahre, 4. Singapur und Schweiz 83,8 Jahre. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung in der Schweiz seit 1876:

Quelle: Our World in Data / M. Schlumpf

Interessant ist, dass die Kurve bis zum 2. Weltkrieg oft von kurzzeitigen Rückschlägen geprägt ist, während sie nach 1950 fast ungebrochen ansteigt. Herausstechend ist der massive Einbruch wegen der Spanischen Grippe im Jahr 1918 – Corona stellt demgegenüber nur einen geringen Rückschlag dar, der schon im Folgejahr 2021 wieder kompensiert war.

Insgesamt können wir uns also überall auf der Welt einer beispiellos gestiegenen Lebenszeit erfreuen. Geplant war das nicht direkt. Die Entwicklung ist vielmehr das Resultat vieler einzelner Fortschritte punkto Lebensbedingungen. Die Frauen sind übrigens besonders privilegiert, liegt ihre erwartete Lebenszeit doch etwas höher als die der Männer –in der Schweiz zum Beispiel gut vier Jahre.

200 Jahre Fortschrittsgeschichte

1820 lebte eine Milliarde Menschen in grosser Armut. Krieg, Hunger und Tod waren allgegenwärtig. Dann setzte eine beispiellose Entwicklung ein. Heute wird die Erde von acht Milliarden Menschen bevölkert. Die Wirtschaftsleistung ist um das Hundertfache gestiegen, und die Menschen leben im Schnitt so lange wie nie zuvor.
Ich gehe in einer Serie einigen zentralen Aspekten dieser Fortschrittsgeschichte nach – wie immer illustriert durch einschlägige Grafiken.

Bisher erschienen:
Reichtum und Wohlstand dank wirtschaftlichem Wachstum: siehe hier
Extreme Armut ist stark zurückgegangen: siehe hier
Massiver Rückgang der Kindersterblichkeit: siehe hier
Genug zu essen für alle: siehe hier

1 Kommentar zu “Ungeplantes Glück: Wir werden immer älter

  1. Roland Renger

    Hallo Herr Schlumpf,
    ich verfolge Ihre Beiträge immer sehr gespannt, vor allem zur Thematik Energie.
    Vielen Dank für die sachliche und fundierte Aufbereitung.

    In der „Lebenserwartung bei Geburt“ spielt die Säuglings- und Kindersterblichkeit eine entscheidende Rolle.
    Das hat schon ein Herr Raffelhüschen als Werber für private Altersvorsorge vor Jahren „geschickt“ ausgelassen.
    Auch heute melden sich in Deutschland Wirtschafts“weise“ und Politiker mit einer Forderung nach Kopplung des Renteneintrittsalters an genau jene „Lebenserwartung“ lautstark zu Wort.
    Das „bei Geburt“ fällt auch hier wieder unter den Tisch, logisch.
    Dabei wäre es so einfach, die entsprechenden Sterbetafeln heranzuziehen.
    Wieviel Zeit verbleibt Frau/Mann nach Erreichen des Renteneintrittsalters?
    Ich kann mich schwach erinnern, dass da sogar eine gewisse Rückläufigkeit in Deutschland eintrat.
    Allerdings habe ich statista lange nicht mehr besucht.
    Werden wir tatsächlich immer älter oder erreichen einfach mehr Menschen ihre natürliche Altersgrenze?

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