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Jürg Grossens Behauptungen zur Stromversorgung sind falsch

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Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 167“ im Online-Nebelspalter vom 26. Januar 2026 zu lesen.

Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen (GLP) und Berner Nationalrat, hat in einem Gastbeitrag bei nau.ch behauptet: «die Schweizer Stromversorgung ist wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien robuster geworden … Neue AKW jedoch würden die Stromversorgung verteuern, ohne sie robuster zu machen … Solar und Wasserkraft bilden gemeinsam das Dreamteam der Schweizer Stromversorgung.» (siehe hier). Alle drei Aussagen sind aber falsch. Alex Reichmuth hat in seinem Newsletter auf Grossen reagiert: «Keiner verdreht die Fakten so dreist wie Jürg Grossen» (siehe hier). Und wiederum darauf hat Grossen mit einer Replik bei nebelspalter.ch reagiert: «Fakten zur Stromversorgung statt Schlagworte» (siehe hier).

Was wichtig ist:

– GLP-Präsident Jürg Grossen verschweigt in seinen Artikeln die massive Winterschwäche der Photovoltaik (PV).
– Er argumentiert mit Jahreszahlen und lenkt so von der Flatterstromerzeugung der PV-Anlagen ab, die nicht verbrauchsgerecht ist.
– Jürg Grossen redet ohne stichhaltige Argumente die Kernenergie schlecht.
– Er verschweigt, dass Solarstrom die Winterschwäche der Wasserkraft massiv verstärkt.

Was ist aber überhaupt unter einem robusten Stromsystem zu verstehen? Das hängt in erster Linie davon ab, ob zu jedem Zeitpunkt des Jahres genügend Strom erzeugt werden kann, um den Verbrauch zu decken. Wie belegt nun Jürg Grossen seine Behauptung, unser Stromsystem sei durch Erneuerbare robuster geworden? Er verweist auf die Rekordproduktion von Solarstrom im Jahr 2025. Dass wir aber mehr Sonnenstrom haben, wenn wir die PV-Anlagen ausbauen, ist eine nichtssagende Selbstverständlichkeit. Entscheidend ist aber: Jahresstromzahlen sind praktisch wertlos für die Beurteilung der Stabilität eines Stromsystems, weil es dabei ja um jeden Zeitpunkt des Jahres geht und nicht um die Gesamtsumme an Strom.

Stundendaten zeigen PV-Schwächen

Diese entscheidende Sicht auf jeden Zeitpunkt des Jahres zeigt die folgende Grafik aus den Swiss Energy-Charts (siehe hier). Die Grafik enthält alle Komponenten, die für die Beurteilung der Stabilität unseres Stromsystems relevant sind: der Stromverbrauch (schwarze Kurve oben), die PV-Stromeinspeisung (gelbe Fläche) und die Einspeisung der Kernkraftwerke (rote Fläche). Alle Werte sind für jede Stunde im Monat Dezember 2025 angezeigt – ich habe bewusst einen Wintermonat gewählt:

PV KKW Load Dez2025
Quelle: Swiss Energy-Charts

Die Grafik zeigt ein Leistungs-Zeit-Diagramm: auf der vertikalen y-Achse ist die Leistung in Megawatt (MW) angegeben, die horizontale x-Achse zeigt die 744 Stunden des Monats Dezember 2025.

Bandstromverbrauch muss durch Bandstromerzeugung gedeckt werden

Eine erste wichtige Schlussfolgerung: Unser Stromverbrauch stellt sich als Bandstromverbrauch mit Spitzen dar, die zwischen rund 7000 und 10’000 MW schwanken. In dieser Darstellungsweise muss also die gesamte Fläche unter der schwarzen Kurve mit erzeugtem Strom gefüllt werden. Weil wir aber in der Schweiz über Wasser-Speicherkraftwerke und über Pumpspeicherkraftwerke verfügen, die solche Spitzenschwankungen ausgleichen können, bleibt die Frage übrig, wie gut die Stromquellen PV und Kernkraftwerke, die in Konkurrenz zueinanderstehen, den Job eines zuverlässigen Bandstromerzeugers erledigen.

Nicht Kernenergie, sondern PV macht Netzmassnahmen notwendig

Die Antwort ist sonnenklar: Nicht die Sonne erfüllt diese Aufgabe zuverlässig, sondern die Kernkraft. Mit der auf dem Bild gezeigten konstanten Erzeugung von Kernkraftstrom ist nicht eine einzige Regulierungsmassnahme nötig, die von den Netzbetreibern vorgenommen werden müsste. Ganz anders aber bei PV: Wegen dem ständigen Ausfall des Solarstroms und wegen seinem raschen Hochfahren und wieder Verschwinden sind immer wieder Ausgleichsmassnahmen zur Erhaltung der Netzstabilität nötig. Ohne Frage führt ein grosser Ausbau der PV-Anlagen zu zusätzlichem Regulierungsbedarf beim Stromnetz. Warum Jürg Grossen behauptet, unser Stromsystem sei wegen des Ausbaus erneuerbarer Energien robuster geworden ist, bleibt schleierhaft.

Atomstrom zur falschen Zeit?

Aufschlussreich ist, was Grossen in seinem nau-Artikel über die Kernkraft schreibt: «Atomkraftwerke hingegen produzieren ständig Strom – wie ein Wasserhahn, den man nicht zudrehen kann. Auch Strom, der zur falschen Zeit anfällt, verursacht Kosten. Neue AKW würden die Stromversorgung deshalb verteuern, ohne sie robuster zu machen.» Hier zeigt Grossen seine ideologische Grundhaltung: Nur wenn man davon ausgeht, dass die Erzeugung von Solarstrom sozusagen gottgegeben ist, kann man schliessen, dass der konstant fliessende Kernkraftstrom zur falschen Zeit anfalle. In Wirklichkeit haben wir in der Schweiz ein seit langem funktionierendes Stromsystem inklusive Kernkraft, das Grossen und Co. jetzt mit flatterhaftem Solarstrom störungsanfälliger machen wollen.

Falsche Aussage zum Winterstromanteil

Durch einen massiven PV-Ausbau im Winter wird das Stromsystem aber nicht nur weniger robust, sondern es geht vor allem ein grosses Stromloch auf. Was sagt Grossen dazu? Im nau-Artikel schreibt er: «Rund ein Drittel der PV-Produktion fällt im Winterhalbjahr an.» Also auch da geht er wieder nur auf die Gesamtsumme ein und nicht auf die Art der Einspeisung. Und die genannte Summe ist beschönigend falsch: Nach den offiziellen Daten des Bundesamtes für Energie (BFE) liegt die PV-Winterproduktion im Schnitt bei einem Viertel des Jahresertrags, nicht bei einem Drittel.  

Detaillierter wird er dann in seiner Replik. Dort steht: «Gerade im Winter zeigt sich der Nutzen der Photovoltaik: In der Schweiz wurden im Winterhalbjahr zunehmend PV-Mittagsspitzen von über 2000 MW und total mehr als 2 Terawattstunden mit PV produziert. Damit können insgesamt 1 Million Haushalte mit Winterstrom versorgt werden.» Diese Zahlen stimmen: Die angesprochenen Mittagsspitzenwerte von 2000 MW sind auch in meiner Grafik so zu sehen. Allerdings gibt es auch Mittagswerte, die viermal tiefer liegen. Und auch die gut 2 TWh als Gesamtwinterstromertrag dürften als Grössenordnung stimmen, obwohl diese Zahlen noch nicht offiziell sind.

Mit PV-Strom versorgte Haushalte würden frieren

Das Verrückte ist aber, dass Grossen behauptet, mit diesem PV-Strom könne man eine Million Haushalte mit Winterstrom versorgen. Nehmen sie die Grafik und stellen sie sich vor, wie sie mit dem dort gezeigten PV-Strom versorgt würden: Leider könnten sie kein Nachtessen kochen, hätten kein Licht und keine Heizung in der Nacht und bekämen am meisten Strom, wenn sie oft gar nicht zuhause sind. Gerade weil Jürg Grossen diese Problematik natürlich genau kennt, finde ich es unverantwortlich, dass er solche falschen Behauptungen macht.

Sechsmal mehr Kernkraftstrom, mit dem man im Winter leben kann

Und apropos: Der durchschnittliche Winterstromertrag aus Kernkraftwerken liegt etwa sechsmal höher als dieser neueste Rekord der PV-Anlagen. Mit diesem Kernkraftstrom könnten aber tatsächlich sechsmal mehr Haushalte mit Strom im Winter versorgt werden. Warum in aller Welt kann Grossen dann vom «Nutzen der Photovoltaik gerade im Winter» sprechen? In seiner oben zitierten Replik-Aussage schummelt er sich so durch: Zuerst postuliert er den Nutzen, dann bringt er zwei Zahlen ohne jeden Kontext, die vom normalen Bauchgefühl her nicht einzuordnen sind und zum Schluss bringt er ein total irreführendes Bild zur Veranschaulichung.

«Dreamteam» Solar plus PV?

Mit dieser Winterstromproblematik, die Jürg Grossen ignoriert, hat auch der letzte Punkt zu tun, auf den ich hier eingehe. Im nau-Artikel schreibt er: «Solar und Wasserkraft bilden deshalb gemeinsam das «Dreamteam» der Schweizer Stromversorgung.» Auch hier denkt er wieder vom priorisierten PV-Strom aus und nicht vom Verbrauch, der gedeckt werden muss. Aus seiner Sicht ist die Wasserkraft die Rettung für den solaren Flatterstrom, weil sie deren Lücken ausgleichen kann. Dabei muss man aber unterscheiden zwischen Tag-Nacht-Ausgleich und saisonalem Ausgleich. Der Tag-Nacht-Ausgleich ist bis zu einem gewissen Grad mit Batterien und Pumpspeicherwerken zu machen, in diesem Sinn hilft die Wasserkraft der Solarenergie.

Unsere Wasserkraft hat bereits eine Winterschwäche

Ganz anders sieht es aber beim saisonalen Ausgleich aus. Denn die Wasserkraft hat bereits selber eine inhärente Winterschwäche: Die Laufkraftwerke, deren Ertrag abhängig ist vom Wasserpegelstand, liefern im Winter nur rund halb so viel Strom wie im Sommer. Bis vor kurzem haben die Speicherwerke diese Winterschwäche der Laufwerke so weit kompensiert, dass der Winterstromanteil der gesamten Wasserkraft 43 Prozent beträgt.

PV verstärkt diese Schwäche massiv

Wenn wir jetzt einen massiven Solarausbau machen, wie er von Grossen und den Grünen gefordert wird, kommt im Winter bei zusätzlich erhöhtem Stromverbrauch und der etwas ertragsschwächeren Wasserkraft (wenn alle Speicherseen voll genutzt sind) mit PV ein Stromerzeuger dazu, dessen Ertragsschwäche in dieser Zeit immer gravierender wird, je genauer man hinschaut: Im ganzen Winterhalbjahr liefern die Solaranlagen noch einen Viertel ihres Jahresertrages, beim Monatsvergleich 2024 kam im Januar aber fast achtmal weniger Strom als im Juni. Und das wird dann von Woche zu Woche schlimmer, bis es Wintertage praktisch ohne Stromertrag gibt. Kurz: Ein grosser PV-Ausbau verursacht ein riesiges Winterstromloch – und dieses Loch lässt sich mit den neuen Erneuerbaren nicht stopfen. Das ist auch die Quintessenz meines neuen Buches, das bald erscheint.

Kernenergie ist eine Winterversicherung

Im Gegensatz zu PV ist die Kernenergie perfekt geeignet, den dringend benötigten Bandstrom im Winter zuverlässig zu liefern, sodass gar kein Stromloch entsteht. Und mit der Erhaltung und dem Ausbau unserer Kernkraftwerke würden wir nicht nur diese Winterproblematik von PV aus der Welt schaffen, wir hätten dann auch die entsprechenden Überschussprobleme im Sommer nicht.

Jürg Grossen ignoriert aber die massive Winterstromproblematik der PV-Anlagen. Er tut dies, indem er die entscheidende Frage übergeht, wie unser Verbrauch zu decken ist. Vielmehr geht er  davon aus, dass wir «die Erneuerbaren fördern» müssen, und dass das per se ja gut ist. Für die Sicherheit unserer Stromversorgung wäre hingegen dringend nötig, dass Nationalrat Grossen diese ideologisch gefärbte Brille absetzt: Sonst stellen seine Behauptungen eine Gefahr für unsere Energieversorgung dar.

3 Kommentare zu “Jürg Grossens Behauptungen zur Stromversorgung sind falsch

  1. Walter Krähenmann
    Walter Krähenmann

    NR Jürg Grossen verdient sein Geld genau mit solchen Solaranlagen. Je mehr davon, desto besser läuft seine Firma. Also keine Spur von Nichtwissen!

  2. Klaus Hermann Müller Dr.
    Klaus Hermann Müller Dr.

    Ich wohne in Aarburg AG. Wir haben seit mehr als 14 Tagen praktisch keine Sonne und auch keinen Wind. Woher kommt dann der Strom, den es dringend braucht, um die Wärmepumpe zu betreiben?
    Es gibt auch noch andere Verbraucher: Waschmaschinen, Kochherd, Kühlschrank etc.
    Es wäre eine Lösung, dass man diesen Phantasten nur den Sonnen- und Windstrom zukommen lässt.

  3. Niklaus Baumann
    Niklaus Baumann

    Eigentlich sollte man Herrn Nationalrat Grossen wegen der Verbreitung von Unwahrheiten, respektive „Fake News“ einklagen.

    Wieso eigentlich nicht ? Nichtwissen, Dummheit etc, schützt bekanntlich vor Klage nicht !

    Übrigens vielen Dank Herr Prof. Schlumpf, dass Sie immer wieder mit nachvollziehbaren Fakten und grossem Engagement die grünen „Rattenfängereien“ und Ideologien mit Scharfsinn entblössen !

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