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Die Schweiz mit Windrädern zupflastern?

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Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 156“ im Online-Nebelspalter vom 14. Juli 2025 zu lesen.

Bisher habe ich mich in meinen Kolumnen noch nie genauer mit der Windenergie in der Schweiz befasst. Der Grund dafür ist einfach: Sie spielt in unserem Stromsystem praktisch keine Rolle. Weil sich das aber nach Ansicht vieler Befürworter der Energiewende massiv ändern soll, untersuche ich hier, was es bedeuten würde, wenn wir die riesige Stromlücke im Winter 2050 mit Windstrom füllen würden.

Was wichtig ist:

– Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist die durchschnittliche Windstärke in der Schweiz relativ schwach.
– Die Arbeitsauslastung unserer Windräder liegt bei tiefen 20 Prozent im Jahr – im Winter liefern sie allerdings etwas mehr Strom.
– Zur Deckung der Winterstromlücke von 2050 wären 8500 Windparks vom Typus Gütsch mit vier Rotoren notwendig.

Windräder stellen eine Verkörperung fossiler Energien dar

Windräder sind die sichtbarsten Symbole unseres Strebens nach Gewinnung erneuerbarer Energien. Dabei stellen sie praktisch eine reine Verkörperung fossiler Brennstoffe dar: Schwerlaster für den Materialtransport, gewaltige Erdaushubmaschinen und riesige Kräne beim Aufstellen verbrennen Dieselöl. Dasselbe tun die Frachtschiffe und Güterzüge, mit denen die riesigen Materialmengen herbeigeschafft werden. Und dieses Material besteht zum grössten Teil aus Zement, Stahl und Kunststoff – alles Stoffe, die nur mit grossen Mengen fossiler Energien hergestellt werden können.

Unbeständiger Wind

In solchen Windrädern wird Strom produziert, in dem die kostenlose Energie des Windes mithilfe grosser Rotorblätter auf stromerzeugende Turbinen übertragen wird. Eine solche Stromproduktion ist natürlich abhängig von der Windstärke. Und wie wir alle aus Erfahrung wissen, ist diese an den meisten Orten sehr unbeständig: Je nach Wetterlaune wechseln Windstillen mit lauen Brisen, starken Winden und orkanartigen Böen ab.

Mittlere Windgeschwindigkeit in Europa

Neben dieser generellen Unbeständigkeit des Windes gibt es aber von Region zu Region und von Land zu Land auch sehr unterschiedliche mittlere Windgeschwindigkeiten, also die rechnerisch ermittelte durchschnittliche Windstärke pro Jahr. Die folgende Grafik von der Webseite «Globaler Wind Atlas» (siehe hier), die vom Energiedepartement der Technischen Universität Dänemark zusammen mit der Weltbank betrieben wird, zeigt die verschiedenen mittleren Windstärken im Gebiet von Zentraleuropa in einer Höhe von 100 Metern. Die Stärkeskala in Meter pro Sekunde reicht von hellblau (gleich sehr schwach) aufsteigend über blau, grün, gelb, orange und rot bis violettrot (gleich sehr stark):

Screenshot
Quelle: Globalwindatlas

Die Schweiz ist kein Windland

Für die Schweiz (weiss eingerahmt) ergibt sich folgendes Bild: Das ganze Mittelland (blau-grün) zeigt nur tiefe Werte zwischen 2 und 5 Meter pro Sekunde, währenddem Spitzenwerte im roten Bereich (6-8 m/s) nur auf Berghöhen in den Alpen und im Jura erreicht werden. Ausserdem zeigt die Karte, dass die mittlere Windstärke von der Schweiz aus gegen Norden und Westen immer mehr zunimmt und an den Atlantik- und Nordseeküsten Spitzenwerte erreicht. Es ist also nicht besonders effizient, in der Schweiz im Mittelland Windenergie gewinnen zu wollen.

Arbeitsauslastung pro Jahr liegt bei einem Fünftel

Wie unbeständig oder wie schwach der Wind an einem bestimmten Ort bläst, kann aus der sogenannten Arbeitsauslastung der Windräder abgeleitet werden. Diese drückt in Prozent aus, während wie vielen Stunden einer bestimmten Zeitperiode die Windräder ihre volle Leistung in Strom umsetzen können. Bei den 70 in der Schweiz in Betrieb stehenden Windrädern beträgt diese Auslastung laut Zahlen der Gesamtenergiestatistik des Bundesamtes für Energie (BFE) im zehnjährigen Schnitt schwache 19,6 Prozent: Nur während einem Fünftel der Zeit sind die Windräder also rechnerisch imstande, ihre volle Leistung in Strom umzusetzen.

Entscheidend für unser Stromsystem ist aber das Verhalten der Windräder im Winter: In der Zeit, wo wir zu wenig Strom haben. Die nächste Grafik, die ich wiederum mit Zahlen des BFE erstellt habe, zeigt die monatlichen Stromerträge aller Schweizer Windräder für das Jahr 2024:

Lastfaktor wind monatlich 2024
Quelle: BFE / Martin Schlumpf

58 Prozent des Jahresertrags werden im Winter erzeugt

Auf einen Blick wird klar, dass der Windstrom in der Schweiz im Winter deutlich stärker fliesst als im Sommer: In Halbjahren gerechnet wurde im Winter 2024 58 Prozent des Jahresstromes erzeugt. Die Grafik zeigt aber auch, dass der Stromertrag aus Windrädern nur während den vier Sommermonaten Mai bis August schwächer ist, in den übrigen acht Monaten ist er relativ gleich stark. Diese Wintermehrproduktion aus Wind ist zwar ein Pluspunkt für diese Technologie, aber dieser Vorteil wird stark relativiert durch den Umstand, dass der Wind auch im Winter immer wieder tagelang praktisch ausfallen kann.

Hochalpiner Windpark Gütsch

Schauen wir uns ein konkretes Beispiel eines Schweizerischen Windparks an. Ich wähle dafür den Windpark Gütsch (siehe hier), der vom Elektrizitätswerk Ursern betrieben wird. Diese Anlage besteht aus vier Windrädern, die im hochalpinen Gebiet oberhalb von Andermatt auf 2332 m ü.M. stehen. Insgesamt weisen sie eine Leistung von 3,3 Megawatt auf. Es handelt sich dabei also vergleichsweise um kleinere Windräder.

Im Winter 65 Prozent des Jahresstroms

Die Arbeitsauslastung pro Jahr beträgt beim Windpark Gütsch 17 Prozent. Damit liegt sie deutlich tiefer als der Schweizer Durchschnitt. Aber auch hier sind die Stromerträge im Winter höher als im Sommer. Aus den Monatserträgen, die mir die Betreiber zur Verfügung gestellt haben, ergibt sich, dass im Winterhalbjahr 65 Prozent der Jahresproduktion erzeugt werden – das ist mehr als im Schweizerischen Schnitt.

8500-mal Gütsch, um die Winterlücke zu füllen

Weiter lässt sich aus diesen Zahlen berechnen, dass der Windpark Gütsch in den vier kritischen Wintermonaten November bis Februar im Schnitt zwei Gigawattstunden Strom erzeugt. Um die Winterstromlücke von 17’000 Gigawattstunden decken zu können, die im Winter 2050 nach Vorgaben der «Energieperspektiven 2050+» des Bundes droht (Berechnungen siehe hier), wären also 8500 Windparks vom Typus Gütsch mit jeweils vier Rotoren notwendig.

Unter der Annahme, dass ein Windrad in etwa eine Gebrauchsfläche von 60 mal 60 Metern benötigt, würde zur Deckung dieser Winterstromlücke eine Fläche von gut 120 Quadratkilometern benötigt – das entspricht eineinhalb mal der Fläche des Zürichsees.

Windräder mit mehr Leistung

Sicherlich lässt sich diese Fläche verkleinern, indem man leistungsstärkere Windräder aufstellt, die nur wenig zusätzliche Fläche benötigen. Windräder mit grösserer Leistung bestehen aber aus grösseren Türmen und längeren Rotorblättern, für deren Transport und deren Installation dann aber wiederum grössere Flächen benötigt werden. In Gütsch ist bereits ein Ausbauprojekt im Gange, bei dem das älteste Windrad, das 2004 in Betrieb ging, noch dieses Jahr abgebaut und durch zwei neue Windräder ersetzt werden soll, die je 2,4 Megawatt Leistung haben.

Fazit: Die entscheidende Frage bleibt: Welchen Anteil unserer naturbelassenen Alpenlandschaft wollen wir für die Installierung riesiger Windkraftmaschinen opfern und damit industrialisieren, sprich: verschandeln? Mit Kraftwerken notabene, deren Strom nur unzuverlässig nach den Launen der Natur fliesst.

Screenshot
Quelle: Windpark Gütsch

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Unausgegorene Energiewende

Mit der Annahme des Stromgesetzes hat die Schweiz letztes Jahr die Weichen für die Energiestrategie neu gestellt: Künftig soll ein grosser Teil der Elektrizität von Wind und Sonne kommen. Doch was bedeutet dieser Wechsel für die Stabilität des Stromsystems? Können wir künftig ohne neue Grosskraftwerke auskommen? Und schützen wir damit wirklich das Klima?  In einer Serie beleuchtet Kolumnist Martin Schlumpf die Probleme und Grenzen  der «Energiestrategie 2050» und zeigt, welche Lösungen es gäbe.

Bisher erschienen:
Energieverbrauch der Welt: Ökologische Wende lässt auf sich warten
Bei der Energie hat die Schweiz Vieles richtig gemacht
Der Stromverbrauch der Schweiz wird fast um die Hälfte steigen
Im Winter 2050 fehlt beinahe die Hälfte des Stroms
Die Sonne bringt im Winter 2050 nicht genug Strom
Auch Wasserkraft deckt die Stromlücke im Winter 2050 nicht
Auch Batterien oder Wasserstoff können das Winterstromloch 2050 nicht stopfen
Mit Kernkraft das Winterstromloch 2050 decken – oder mit synthetischem Biotreibstoff?

2 Kommentare zu “Die Schweiz mit Windrädern zupflastern?

  1. Bucher-Studer Peter
    Bucher-Studer Peter

    Interessant wäre noch zu wissen wie hoch die Subventionen, Mindestvergütungen und Herkunftsnachweise
    heute schon bei den Windrädern anfallen beziehungsweise anfallen würden, wenn man die 8500 Windparks mit je vier Rotoren zur Behebung der Winterstromlücke erstellen würde.
    Bei der Photovoltaik beträgt die Solarförderung gemäss „Enerprice“2024 rund 600 Mio. Diese steigt bis Ende 2035 auf 1,4 Mia.! Aufsummiert gibt das ca. 13 Milliarden!

  2. Laurenz Hüsler
    Laurenz Hüsler

    Das würde heissen, dass es jeden Kilometer eine Windmühle hat, von Ost nach West, von Nord nach Süd, über Berg und Tal, durch Seen und Städte.

    Jeden Kilometer eine Windmühle.

    [41000/(8500*4) und daraus die Wurzel]

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